Ernst Breit, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, hat vor „Hysterie“ in der Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche gewarnt. Die Tarifauseinandersetzung sei auch keine „Entscheidunsschlacht zwischen Himmel und Hölle“. Recht hat er. Doch seine Worte, die sich in erster Linie an die Kritiker der Gewerkschaften richteten, sollten auch in den eigenen Reihen sehr ernst genommen werden. Denn um die immer noch skeptischen Mitglieder zu mobilisieren, schrecken einige Funktionäre vor keinem der erprobten Mittel der Demagogie zurück. Es wäre gut, wenn sie sich gelegentlich fragen würden, ob sie die Hysterie, die sie damit vielleicht auslösen, später auch noch unter Kontrolle halten können, wenn es darum geht, die notwendigen Kompromisse zu schließen.

Und sie sollten sich auch immer wieder fragen, wohin die von ihnen geforderte Umverteilung der Arbeit schließlich führen könnte. Zwar wischen Vertreter der IG Metall und andere Verfechter der ein Eingriff den nächsten nach sich zieht. Gleichzeitig liefern sie aber selbst immer wieder Beweise dafür, daß solche Warnungen berechtigt sind.

1,2 Millionen Arbeitslose könnten wieder eine Beschäftigung finden, wenn die 35-Stunden-Woche in der Bundesrepublik eingeführt wird, behaupten die IG Metall und ihre Hilfstruppen. Diese ohnehin sehr theoretische Rechnung kann aber nur dann aufgehen, wenn es gelingt, Ausweichmanöver der Unternehmer soweit wie möglich zu verhindern. Deshalb werden die Arbeitnehmer jetzt schon aufgerufen, Leistungssteigerungen zu verweigern. Überstunden sollen möglichst eingeschränkt oder verboten werden; Stellenpläne müßten in Zukunft bindend vereinbart werden; ein Recht auf Ablehnung neuer Technologien wird ebenso gefordert wie die Möglichkeit, bestimmte Arbeiten zu verweigern. Die Folgen:

  • Die Kosten der Arbeitszeitverkürzung würden voll durchschlagen, weil dem Management die Möglichkeit genommen würde, sie durch Rationalisierung abzumildern.
  • Die im Wettbewerb vor allem mit ausländischen Konkurrenten notwendige Flexibilität würde weiter eingeschränkt.
  • Die Bürokratie im Unternehmen würde noch mehr zunehmen, weil immer kompliziertere Tarifverträge, Verordnungen und Gesetze beachtet werden müßten.

Im übrigen machen die Gewerkschaften durch ihr Verlangen nach Kontrolle der Arbeitsbedingungen ihr eigenes Argument kaputt, daß die Arbeitszeitverkürzung weit billiger wäre als die Unternehmer behaupten. Diese Rechnung geht nämlich nur auf, wenn als Folge der Einführung einer 35-Stunden-Woche eine ungewöhnlich starke Steigerung der Produktivität unterstellt wird. Genau dies wollen die gewerkschaftlichen Befürworter einer kürzeren Wochenarbeitszeit aber wiederum verhindern, weil eine kräftige Leistungssteigerung die Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte überflüssig machen würde.

Die Funktionäre haben sich mit dieser Argumentation selbst in eine Zwickmühle hineinmanövriert, aus der sie nur unter Zurücklassung jeglicher Logik ausbrechen können. Eine andere Möglichkeit wäre, daß sich Arbeitgeber und Gewerkschaften die Warnung des DGB-Chefs vor Hysterie gleichermaßen zu Herzen nehmen und endlich gemeinsam nach einer vernünftigen Lösung suchen, ehe sie ihre jeweilige Gefolgschaft so emotionalisiert haben, daß sie sich nur noch in einem Arbeitskampf abreagieren kann.

Michael Jungblut