Der Augenblick war immer wieder eindrucksvoll; Wenn es ihn nicht länger am Vorlesungspult hielt und er stracks zum schaurig klingenden Flügel eilte, um statt des „trockenen Tons“ ein Werk, und sei es Leonores große Szene aus dem 1. Akt von Beethovens „Fidelio“, mit rostiger (Pfeifen-)Raucherkehle und reichlich ungeübter Hand akustisch an den Mann zu bringen. Dann verlor sich häufig die ansonsten dominierende kritische Distanz in rührig-temperamentvolle Gefilde. Die glatte Perfektion von Tonband- oder steriler Schallplattendemonstration schien ihm jedenfalls im Seminar suspekt.

Genau so unerbittlich in den Anforderungen blieb der im äußeren Habitus rundum jovial erscheinende Kölner Ordinarius für Musikwissenschaft, wenn es um die unantastbare didaktische Disziplin ging. In Prüfungen verlangte er unbarmherzig viel. Wehe dem, der sich bei der Vorbereitung zum mündlichen Doktorexamen entlegenere Sachgebiete wie etwa Pentatonik, Neumenanalyse, Pariser Schule, Isorhythmische Motette, Tabulatur, Affektenlehre, Diminution und vieles Heikle der Mensuralnotation leichtgläubig verkniffen oder gar die neueren Aspekte von der Musiksoziologie und Tonpsychologie bis hin zur Musikethnologie außer acht gelassen hätte.

Karl Gustav Feilerer, rührig und besessen im Arbeitsdrang bis zum Tod, der ihn einundachtzigjährig in München ereilte, war in der Tat der Typus eines klassischen Gelehrten. Der noch jungen, im Aufbau begriffenen musikwissenschaftlichen Lehre gab er als Mentor und Forscher Impulse auf nahezu allen Gebieten. Aus der Vielzahl seiner Bücher und Publikationen ragen die grundlegenden Standardwerke über Gregorianik, katholische Kirchen- und Orgelmusik sowie die Monographien über Palestnna, Puccini und Grieg heraus. Die Kernstücke seiner umfangreichen Herausgebertätigkeit bilden die Anfang der dreißiger Jahre begonnenen „Beiträge zur Kölner Musikforschung“ (bislang 137 Bände), ferner die Sammlung „Das Musikwerk“ (47 Bände) und schließlich die „Studien zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts“ (59 Bände), die von der Thyssen-Stiftung protegiert werden.

Einunddreißig Jahre lang leitete der urwüchsige Bayer das Musikwissenschaftliche Instituts der Universität Köln, deren Rektor er just zu dem Zeitpunkt wurde, als überall die Studentenunruhen ausbrachen. Als wissenschaftlichen Organisator sah man ihn allenthalben gern: bei Tagungen und Kongressen, als sechsjährigen Leiter der Gesellschaft für Musikforschung (in manchmal nicht gerade leichter Kooperation mit DDR-Kollegen), beim Aufbau des Kölner Joseph-Haydn-Instituts; in zahlreichen internationalen Gremien wie sechzehn Jahre lang als Vorsitzenden des WDR-Programmbeirats.

Peter Fuhrmann