Schon der Anfang stellt klar, was der Film anstrebt: pures Bewegungskino, das seine erzählerischen Intentionen in action auflöst und seinen Seriencharakter mit ironischen Anspielungen auf alte Episoden vorzeigt. Unser Held, ganz auf sich gestellt, befreit eine Gefangene aus einer festungsartig gesicherten Villa. Er überwindet alle Gegner. Doch er übersieht, daß auch die Gefangene ein Gegner ist. Dieser Fehler läßt M., seinen Vorgesetzten (Edward Fox), nicht zögern: Er schickt ihn zur Kur ins Sanatorium. Selbst an James Bond geht die Zeit nicht spurlos vorüber.

Zehn aller Bond-Filme spielen im Paradies der Ideologie. Die Welt ist klar geordnet, Gut und Böse sind sauber getrennt. Angeboten wird, was uns Zuschauer möglichst schnell zu geheimen Wünschen und Ängsten führt. Die Filme nähren diese Wünsche und Ängste, und sie beruhigen sie zugleich.

Ganz ungeniert formulieren sie Männerphantasien. Wenn Bond eingreift, geht es immer ums Ganze. Meistens ist die westliche Zivilisation in Gefahr, wenn nicht gar die ganze Erde. Für seinen Job steht Bond zur Verfügung, was vieler Männer Herz begehrt: die neuesten Autos, die schönsten Frauen, die teuersten Hotels, die extravagantesten Anzüge, die mondänsten Strände, die wirkungsvollsten Waffen, vor allem jedoch die Lizenz zum Töten. Daß Bond in allen Filmen stets das gleiche tut und seine Arbeit stets siegreich abschließt, kann nur den erschrecken, der nicht versteht, wie sehr das Kino auch vom Seriellen lebt – von ästhetischen und ökonomischen Formen, die in jedem Film wiederkehren.

Alle Bond-Filme verbreiten – sehr selbstverständlich – ein Atmosphäre der Unwahrscheinlichkeit. Alles ist möglich, alles ist erlaubt – wenn es allgemein akzeptiert ist. Deshalb sind die Bösen noch ein wenig böser als gewöhnlich, und auch der positive Held ist noch positiver, noch cleverer, mutiger und stärker. Die Filme folgen den Erwartungen ihrer vielzähligen Zuschauer. Sie produzieren Klischees, das aber mit Niveau. Sie verwenden abgedroschene Handlungsmuster, das aber in luxuriöser Umgebung. Die Filme zeigen immer dasselbe; nur stets um eine winzige Nuance anders. Ihre Wahrheit ist die des Comics: die Welt ist alles, was gezeichnet wird. Überschwenglich, aber wohlkalkuliert halten sie sich allein an das Gängige.

James-Bond-Filme sind wie Romane von Johannes Mario Simmel oder Pop-Songs von Neil Diamond. Entweder man ist hingerissen, oder man kriegt Bauchschmerzen. Die ersten Bond-Filme wurden gedreht, als Ian Fleming seinen James Bond noch gar nicht erfunden hatte. Beispielsweise von Louis Feuillade, der zwischen 1913 und 1922 unzählige Serienfilme herstellte. Nur hieß Bond da noch Inspektor Juve oder Philippe Guérande oder Judex. Und Blofeld, Bonds böser Gegenspieler, nannte sich Fantomas oder Satanas. In Deutschland drehte Fritz Lang 1919 einen Bond-Film: "Die Spinnen". Seinem positiven Helden gab er den Namen Kay Hoog, und die böse Spinnenchefin nannte er Lio Sha. Erstmals wird da die ganze Welt zum Schauplatz des Kampfes zwischen Gut und Böse.

Die Bond-Serie selbst, inzwischen 22 Jahre alt und insgesamt 14 Filme umfassend, nutzt von Anfang an alle Kontinente als Raum für den drohenden Weltuntergang und Bonds Rettung in letzter Minute. Der touristische Blick auf die Sehenswürdigkeiten der verschiedenen Länder und Kulturen ist dabei so selbstverständlich wie die Unterstützung der Gebrauchswarenindustrie. Wenn Bond durch Las Vegas rast, tut er das standesgemäß im Austin Martin ("Diamantenfieber"). Und wenn er im Weltall den Westen rettet, zeigt ihm eine Seiko an, wieviel Zeit ihm noch bleibt ("Moonraker").

Auch in "Sag niemals nie", einem Remake des vierten Bond-Films "Feuerball" von 1964, ist der Westen wieder in seiner Existenz bedroht. Blofelds Organisation hat zwei Cruise Missiles in ihren Besitz gebracht und droht mit bösem Tun, wenn ihre Forderung nicht umgehend erfüllt wird. Also muß Bond erneut den Weltfrieden retten – im Kampf gegen die Zeit. Wichtig dabei sind: Reisen an die Côte d’Azur und nach Nassau; keine Angst vor Haien; ein Tango, getanzt vor großem Publikum; ein Videospiel um die Vormacht auf der Erde; eine Verfolgungsjagd mit dem Motorrad; ein unförmig dicker Füllfederhalter und die Lust zum Tauchen, Kämpfen, Schießen.