Von Gerd Helbig

Wie sich die Zeiten ändern: Reisten früher die reichen Syrer zum Essen und Amüsieren über die Libanonberge nach Beirut, so fährt man heute nach Damaskus, um einmal ungestört essen zu gehen – ohne Artillerielärm und Ausgangssperre.

Freilich, der Weg dorthin kann beschwerlich sein. Die klassische Straße Beirut-Damaskus ist seit Monaten gesperrt: Kampfzone, eine Flugverbindung existiert nicht. Also bleibt die Paßstrecke durch den syrisch besetzten Teil der Landes. Da gibt es zwar um die zwanzig Kontrollen syrischer Soldaten, die aber meist mit freundlicher Neugierde rasch erledigt werden. Unangenehmer kann der schulische Kontrollposten sein, der sich neuerdings direkt oberhalb der christlichen Stadt Zahle etabliert hat. Erwischt man einen Tag mit klarem Wetter te Gebirge und guter Laune bei den Soldaten, so wird die Fahrt zu einem traumhaften Erlebnis; gerät man in Schnee und Nebel sowie an Kontrollen, so kann es eine ganztägige

Der Grenzübergang Libanon-Syrien war noch nie so angenehm wie jetzt: Nur wenige Leute kommen vorbei, vor allem vollgepackte Taxis. Die schmuddeligen Hallen der Paß- und Zollkontrolle sind gähnend leer, die großen Photos von den grandiosen Stätten der syrischen Geschichte vergilben. Touristen gibt es nicht.

Fahrt man dann nach Syrien hinein, beginnt eine andere Welt. Eine breite, neue Autobahn – gesäumt allerdings von unzähligen frisch ausgegrabenen militärischen Stellungen. In die Erde geduckt: Artillerie, Flugabwehr, Panzer, dreckbeschmierte Lastwagen. Man wappnet sich gegen einen israelischen Angriff. Aber die Kriegspsychose, die noch vor wenigen Wochen über dem Land lag, eine Mischung aus politischer Realität und Propaganda, ist verflogen. Nachdem sich geklärt hat, daß weder die Syrer noch die Israelis noch die Amerikaner eine direkte Konfrontation wollen oder sich aus innenpolitischen Gründen leisten können, redet plötzlich keiner mehr von Krieg. Man verhandelt zur Abwechslung.

In Damaskus ist die Nervosität gewichen, auch die militärische Präsenz in den Straßen. Vor nicht allzu langer Zeit war das anders. Da hockte der Argwohn hinter jeder nicht einsehbaren Ecke. Man wurde verfolgt von den Blicken der Geheimdienstleute. Vorbei die Ruppigkeit, mit der diese jungen Burschen in Jeans, die Kalaschnikow in der Hand, Neugierige verscheuchten, wenn sie sich in noch so harmloser Absicht einem Gebäude näherten, das „geschützt“ wurde.

Heute ist das alles viel lässiger. Rosen blühen in halbmeterhohen, überaus massiven Betonrinnen, die zum Schutz gegen die grauenvollen carbombs, jene mit Sprengstoff vollgestopften Autos, vor die Ministerien, das Parteigebäude und das graue Haus des staatlichen syrischen Radios und Fernsehens gebaut wurden. Hinter einer besonders klotzigen, zwei Meter hohen, mit fahrbaren Stahltoren versehenen Mauer verschwindet neuerdings das Hauptquartier des Kontingents der Vereinten Nationen. Aber nicht die Uno muß geschützt werden – irgendwo hinter der Mauer residiert in einem der leergeräumten Häuser der mächtige Präsidentenbruder, Rifaat Assad, Chef der Schutztruppe des Regimes. Eine Festung, bedrückender noch als der Amtssitz des Präsidenten.