Frankfurt: „Spätantike und frühes Christentum“

Das Geschichtsbild der Epoche ist vermutlich stärker durch Hollywood-Kitsch à la „Ben Hur“ oder „Quo vadis“ verzeichnet, als von halbwegs sicheren Kenntnissen der politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen geprägt. Allenfalls hat man sich angewöhnt, die späten Jahrhunderte des Imperium Romanum durch die Metapher vom Niedergang und Verfall zu pauschalieren. Ein formidabler Niedergang, und ein zäher dazu. Und ausgerechnet eine Ausstellung Aber jene immerhin 300 Jahre, in denen die meisten der frommen Heiligen- und Märtyrerlegenden einer anfangs völlig unbedeutenden unter den vielen Sekten des römischen Reiches wurzeln, die sich Christen nannten, lockt nun die Besucher in Scharen in das ansonsten eher ruhige Liebighaus am Frankfurter Schaumainkai. Sie bewaffnen sich mit einem 700 Seiten starken Katalog, der ein Kompendium der römischen Spätantike geworden ist und mit Sicherheit der wissenschaftlichen Diskussion der nächsten Jahre ein solides Fundament gibt; sie defilieren vorbei an 272 Ausstellungsstücken, Kaiserbüsten und Schmuck, Elfenbeinreliefs und Sarkophagen, Kultbildern und magischem Gerät, die aus Museen und Sammlungen zwischen Malibu und Budapest, Oslo und, natürlich, Rom zusammenkamen. Diese Neugier, dieses Interesse sind schon erstaunlich, denn obwohl es hier große Schönheit und Kostbarkeit zu sehen gibt, zielt diese Ausstellung nicht auf den reinen Schaueffekt (das läge auch nicht im kritisch-aufklärerischen Arbeitsstil des Hauses). Ausstellung und Katalog sind eine Einheit, ohne die Texte sind die Stücke für uns (Spezialisten ausgenommen) nicht zu erschließen. Eine vor allem theoretisierende Ausstellung also? Auch nicht. Sondern die wissenschaftlich-behutsame und nicht immer leicht nachzuvollziehende Entfaltung einer für uns ferngerückten Welt zwischen Septimius Severus und Justinian, aus der heraus sich unsere abendländisch-christliche Tradition entwickelte. Und es ist schon verblüffend, zu sehen, wie sehr sich manche ikonographische Formen und religiöse Vorstellungen vermischten – wie im ägyptischen Alexandria Isis lactans von der Marienverehrung verdrängt wurde und Sarapis von Christus. Und auch, wie redlich sich die verfolgten Christen in Rom bemühten, anerkannte Staatsbürger zu sein. Ihre zeitweilige Niederhaltung entsprang weit weniger tyrannischer Willkür, als uns alte und neue Legenden glauben machen, als Geboten der Staatsräson gegen subversive Elemente, die der Maiestas des Kaisers und dem römischen Volk die ziemende Anerkennung verweigerten. (Liebighaus, bis zum 11. März, Katalog 25 Mark)

Manfred E. Schuchmam

München: „Die Finger – Stilkonturen eines Jahrzehnts“

Die ausgestellten Gegenstände, Glas, Keramik, Porzellan, Silber und Möbel, stammen aus Münchner Privatsammlungen – auch die vermeintlich schrecklichen fünfziger Jahre haben bereits Liebhaber gefunden. Vielleicht waren sie auch gar nicht so schlimm, es gab ja schließlich die praktischen und schönen Produktformen, die an der Ulmer Hochschule für Gestaltung entwickelt worden waren, das elegante skandinavische Design, die dekorativ gestalteten italienischen Gläser. Abgesehen davon, daß hier Beispiele für die gutgeformte Massenproduktion fehlen (ein Umstand, der die im Titel avisierten Stilkonturen doch einengt) und die Betonung auf kunsthandwerklich gediegenen Stücken liegt – war da nicht auch noch der Nierentisch und die Stehlampe mit schwenkbaren Krakenarmen und der Stuhl in Form eines beschädigten Champagnerkelches und ...? Richtig, aber das kommt in der Ausstellung allenfalls in der gehobenen Version vor, die gezeigte Stehlampe etwa ist von Brancusis „Vogel im Raum“ inspiriert. Mangels einer vergleichenden Dokumentation wird zwar nicht klar, daß das Styling der einen oder anderen Vase durchaus verwandt ist mit dem der Heckflossen amerikanischer Straßenkreuzer, immerhin aber machen die gezeigten Objekte ein Merkmal sichtbar, das typisch war für die fünfziger Jahre: die ausgeprägte Vorliebe für biomorphe Formen. Und die stammen aus dem Fundus der Surrealisten. Auch der Ur-Nierentisch, von Frederick Kiesler 1935 entworfen, war eine Erfindung aus surrealistischem Geist – ohne es zu wissen, hatten Herr und Frau Jedermann in den Fünfzigern ein Stück avantgardistischen Designs in der guten Stube stehen. (Museum Villa Stuck, bis zum 26. Februar, Katalog 19 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Gustave Courbet – Les voyages secrèts de M. Courbet“ und „Georges Senat – Zeichnungen“ (Staatliche Kunsthalle, bis 11. März, Katalog 45 bzw. 35 Mark)