In unseren Theatern sind zur Zeit die Alten die Sieger. Der große alte Schauspieler Peter Lühr feiert in George Taboris Münchner Inszenierung von Becketts „Warten auf Godot“ Triumphe: Vom Augenblick, da ich dies schreibe, sind es nur noch wenige Tage, bis der große alte Schauspieler Bernhard Minetti in Bochum unter Claus Peymanns Regie in einem neuen Stück von Thomas Bernhard auftritt: „Der Schein trügt“. Noch zuvor erhob sich auch das alte Stadttheater zu neuem Glanz. Alfred Kirchner, der seine Dramaturgen Vera Sturm und Uwe Jens Jensen aus Bochum mitgebracht hat, inszenierte im Residenztheater Shakespeares „Kaufmann von Venedig“: eine schöne, entspannte, sehr bunte Komödie, in der man oft das akrobatische Theater der Ariane Mnouchkine als einfaches Stadttheater wiedersah.

Das Wort kam aus den Kulturbüros, durch die Vorzimmer, an den Topfpflanzen und den Sekretärinnen vorbei in die Foyers, zuletzt in die Köpfe. In manchen sank es zum Schimpfwort ab: Stadttheater. Steigerung: Staatstheater. Diese Munition ist jetzt verschossen. Spätestens seit es das technische und architektonische Kunststück der Berliner „Schaubühne am Lehniner Platz“ gibt, ist das alte Stadttheater in die Mythen abgesunken. Erinnerung an lauter Bajazzos.

Den Shylock spielt in München Walter Schmidinger. Er ist ein Schauspieler aus der Zeit vor den perfekten technischen Kunststücken, auch wenn er sich oft in die Technik, ins Handwerk seines Berufe, gerettet hat. Sein Lieblingsthema aber ist die bekannte Tragödie, von der nur das alte Stadttheater erzählen kann: das Genie und der Abgrund der Schauspielerei. Das hatte Folgen für den langen Streit darüber, ob Shylock ein Tragöde sei. In München war er einer. Aber Shylocks Tragödie war nicht mehr seine jüdische Herkunft, sondern die Schauspielkunst.

Nach 1945 dachte man, die Theater müßten sich das Stück versagen. Der Antisemitismus hatte die Geschichte vom Juden Shylock, der seinem Schuldner, dem Kaufmann von Venedig, ein Stück Fleisch aus dem Leib schneiden will, ganz unmöglich gemacht. Die Aufführungsgeschichte des Stücks wurde erst 1963 fortgesetzt: Piscator inszenierte in Berlin. Zwei Jahre später schrieb der Kritiker Joachim Kaiser: „Ich bin der Ansicht, daß der ‚Kaufmann von Venedig“ ein Demokratietest ist. Solange Theater- und Fernsehanstalten an diesem Schauspiel christlicher Ungerechtigkeit und jüdischer Rachsucht vorbeigehen, solange ein Hilpert republikanisch-taktvoll sagen muß: den .Kaufmann von Venedig spiele ich erst, wenn vierzig Juden im Parkett sitzen und darüber lachen, solange wir uns vor den Abgründen genieren, die Shakespeares ... vielleicht wider Willen Drama enthält... solange sind wir noch nicht reif. Nicht einmal für ein Stück, das gute 350 Jahre alt ist.“

Aber schon in Arie Zingers Inszenierung, wo sich vor fünf Jahren auf der Bühne des Kölner Schauspielhauses der Kaufmann und Shylock in einem italienischen Straßencafe trafen (und die in der Aufführungsgeschichte des Münchner Programmhefts fehlt), dominierten die Showelemente. Der Kaufmann wurde von Heinz Schubert gespielt, der als das Ekel Alfred Tetzlaff durch das Fernsehen gegeistert war. Die Kritik an Shylocks Gegner gab sich schon damals spielerisch als Besetzungspolitik zu erkennen. Schon in dieser „Kaufmann“-Aufführung war das heiße Eisen von damals auf dem Weg zur Abendunterhaltung.

Jetzt wurde der „Kaufmann von Venedig“ in Alfred Kirchners Regie als ein Theaterstück rehabilitiert. Zu sehen ist eine vorsätzlich naive Aufführung, die mit „Werktreue“ nichts zu tun hat. Nur so kann sie auf die alten Spannungen entspannt reagieren und die inzwischen ermüdende Frage, ob Shakespeare Antisemit gewesen sei, vergessen. Das alte Stadttheater wird so noch einmal zum Politikum.

Die Bühne hat Alfred Kirchner zusammen mit seiner Kostümbildnerin Birgit Günther selber entworfen: ein Versuch, sich an die alte Shakespeare-Bühne zu erinnern. Ein großes Podest reicht bis in den Zuschauerraum und ist von hinten durch zwei dunkle Seitengassen zu erreichen. Zwischen den Gassen verhüllt ein roter Vorhang eine weitere Bühne, die zu Shakespeares Zeit für Innenräume reserviert und ein Vorläufer des Guckkastens war. Aber auch dort steht wieder nur ein Spielpodest. Kirchner sagt es deutlich und mehrfach, daß die Welt dieser Komödie auf Brettern steht, die allesamt nur Theater bedeuten.