Programmierwissen im Unterricht ist eine Chance für die Kinder

Von Siegfried Schubenz

Kinder, Computer und neues Lernen“ heißt die 1982 im Birkhäuser Verlag erschienene Übersetzung des Buchs von Seymour Papert, das für die spricht, die dem Computer einen sicheren Platz auch in den pädagogischen Einrichtungen verschaffen wollen. Ich zähle mich zu diesen Leuten. Ich bin Psychologe, Papert ist Mathematiker. Zwischen uns vermittelt die „genetische Lerntheorie“ Piagets, ohne die der folgende Gedanke Paperts in seiner pädagogischen Tragweite nicht zu erfassen wäre: „Der Computer ist der Proteus der Maschinen. Sein Wesen ist seine Universalität, seine Simulationsfähigkeit. Weil er tausend Formen annehmen und tausend Funktionen erfüllen kann, kann er tausend verschiedenen Ansprüchen genügen.“ Und hier sind ausdrücklich auch die Ansprüche von Kindern an eine Lernumgebung gemeint, in der sie Erkenntnisse gewinnen, die sie nach ihren eigenen Plänen anstreben, für deren Gewinnung sie sich selbst verantwortlich fühlen dürfen.

Wovon wir reden – ich meine Papert, mich und viele andere –, ist nicht der Computer, der Menschen die Kontrolle über Arbeitsvorgänge abnimmt, die Arbeitsvorgänge ohne Beteiligung von Menschen ausführt und am Ende ihnen den Arbeitsplatz wegnimmt. Wir meinen nicht den Computer, der uns etwas vorgibt, indem er über sein von uns nicht kontrollierbares Programm die nächste Phase des Arbeitsprozesses einleitet. Denn das ist nicht der Computer als universelles Werkzeug, sondern nur seine allen bekannte und uns alle bedrohende, bisher überwiegende Anwendung. Es ist der Computer als Übersetzer und Ausführer eines geschriebenen Programmes, bei dem wir in der Regel den Verfasser des Programms nicht beeinflussen können und seine soziale Verantwortung für uns nicht hoch einschätzen.

Der vollständige Computer ist der für jeden – auch für jedes Kind – verfügbare, also der von uns selbst und von unseren Kindern programmierte Computer. Er ist die universelle und simulationsfähige Maschine, das Werkzeug, dem wir einen Teil unserer Intelligenz übertragen können, das für ganz kleine Vorgänge von einem einzelnen Menschen, sogar von einem Kind programmiert werden kann und für große Vorgänge von einem Team angewendet wird.

Der Prozeß wachsender Automatisierung von Arbeitsabläufen begleitet die Menschen in ihrer ganzen jüngeren Geschichte. Computer sind ein Produkt dieser Entwicklung. Qualitativ neu ist an ihnen, daß mit ihnen unsere eigene Sprache in der Anwendung als Programmiersprache beinahe alle die Vorgänge auslösen kann, die bis dahin von anderen Menschen mit ihren Händen an den Maschinen ausgelöst werden mußten. Computer ersetzen seitdem am Arbeitsplatz die Menschen, die bis dahin die schriftsprachlich verfaßten Anordnungen für den Ablauf des Produktionsprozesses in Steuertätigkeiten an Maschinen umsetzen konnten.

Wir sollten Computer Kindern nicht vorenthalten, weil wir sie als neues universelles Werkzeug in alle industriegesellschaftlichen Produktionsprozesse eindringen sehen – und zwar mit der gleichen Macht großer historischer Vorgänge wie bei der ersten Industrialisierung. Der bewußte Umgang mit Computern steht in unseren pädagogischen Anwendungen im historischen Vergleich mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht und dem damit begründeten gesellschaftlichen Zwang zum allgemeinen Umgang mit Schriftsprache.