ARD, Donnerstag, 12. Januar: Bomben auf Berlin“, Leben zwischen Furcht und Hoffnung; Film von Irmgard von zur Mühlen

Bekannte, oft gezeigte Bilder aus den Tagen des Nationalsozialismus: Gestohlene Rituale mit dem zum Hakenkreuz verkommenen Kruzifix und der Rednerbühne an Stelle des Altars. Der Sportpalast als faschistische Kirche und Trutzburg: Schein-Zuflucht vor dem Ansturm der für Untermenschen erklärten Feinde. Goebbels’ Kanzel: ein hoch über den Menschen befindlicher Schauplatz, von dem aus Gericht gehalten wurde über den Ansturm der Steppe.

Vertraute Photographien, die auf die Anleihen verwiesen, die der Faschismus beim Christentum so gut wie im Lager der Sozialisten tätigte: Dome und Betriebe umdrapiert und in den Dienst der schlechten Sache gestellt.

Wochenschaubilder, hundertmal gezeigt: Der Nuntius verneigt sich vor dem Führer des Großdeutschen Reiches, Goebbels und Göring halten Hof, die Kamera schwenkt von den huldreich tätigen Großen, dem Führer, dem Feldmarschall, dem Furtwängler und dem Heinrich George, auf die holzgeschnitzten Gesichter aus den Reihen des Volkes, auf Jubler und Klatscher.

Aber dann gab es – dies war das Faszinierende des Films über die Stadt Berlin während des Zweiten Weltkriegs – unbekanntere Photos, eher private... und da plötzlich wurde die andere, die alltägliche aber nicht minder schreckliche Seite des Faschismus in Deutschland erkennbar: das kleine UFA-Glück am Wannsee, die Silvesterfeier 1944, das Lachen über Clownerien in einem zum Varieté umfunktionierten Rüstungsbetrieb, die Fußballbegeisterung angesichts einfliegender Bomberschwärme. Der Leichtsinn, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, als Pendant des Gehorsams: Spaß an den Elefanten im Zoo, Spaß am Wunschkonzert und Spaß der Schulkinder, wenn der Bombenalarm erst in der Frühe endete und nicht vor Mitternacht – späterer Unterrichtsbeginn garantiert!

Durch das Wechselspiel von bekannten und unbekannten, offiziellen und privaten Dokumenten, aber auch durch das Gegeneinander von Ideologie und Wirklichkeit, der Propaganda und dem Zeugnis der Betroffenen kam das nur allzugern Verhüllte zum Vorschein und wurde sichtbar, wie man sich eingerichtet, seinen kleinen Privatfrieden gemacht und weitergewurstelt hatte, wo das Verbrechen längst offenkundig und der Untergang besiegelt war.

Hier die Feuerstürme und dort die nachmittägliche Stunde auf der Terrasse vorm Kranzler, auf der einen Seite Panzerfäuste und auf der anderen das Vorspiel zum ersten Akt der Meistersinger: Durch harte Schnitte kam das Doppelgesicht des Dritten Reiches, kamen Peitsche und Zuckerbrot, die Abstempelung der Juden als Untermenschen und die Pilgerfahrten zu den Filmen der Zarah Leander ins Blickfeld – das eine nicht realisierbar ohne das andere, das brutale Sein nicht ohne den schönen Schein, die Kinotraumwelt und die Herrenreiter die noch anno 42 durch den Tiergarten galoppierten.