Ulf Merbold, erster Westdeutscher im All, wurde am Donnerstag letzter Woche mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet. Ihm sei die Auszeichnung gegönnt. Schließlich hatte er Leib und Leben für ein Vorhaben riskiert, das einer kritischen wissenschaftlichen Betrachtung kaum standhält, aller nationalistisch angehauchten Selbstbeweihräucherung zum Trotz.

Merbold erhielt den Orden für seine Verdienste um den „ersten Schritt Deutschlands und Europas in die bemannte Weltraumfahrt“. Nicht wenige Fachleute fragen sich freilich, ob hier nicht ein politisch-ideologisch motivierter Schritt in die Sackgasse getan wird. Es ist höchste Zeit, einige grundlegende Fragen über die Zukunft der deutschen und europäischen Raumfahrt rational zu diskutieren. Denn vielleicht schon am Ende dieses Monats gibt Präsident Ronald Reagan grünes Licht für den Bau einer bemannten amerikanischen Raumstation, die schon in zehn Jahren die Erde umkreisen soll. Und Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber bekundete bereits eilfertig – offensichtlich vom Spacelab-Spektakel übermannt – die deutsche Bereitschaft, das auch in den Vereinigten Staaten sehr umstrittene Projekt zu unterstützen.

Die spätpubertäre Erfüllung sogenannter „Menschheitsträume“ oder auch die zweifelhafte Ehre, für viele Steuermilliarden auf dem Rücksitz der Amerikaner mitfliegen zu dürfen, können heute wirklich nicht mehr als Begründung ausreichen. Deshalb sollen Ulf Merbold und das europäische Raumlabor die Notwendigkeit und Machbarkeit derart hochfliegender Pläne beweisen. Doch Spacelab könnte sich ab Bumerang für die Befürworter einer deutschen Beteiligung an der bemannten Raumstation der Amerikaner erweisen. Denn selbst wenn einige der voreilig zu Sensationen hochgejubelten Einzelergebnisse der nun laufenden wissenschaftlichen Überprüfung standhalten, lassen sich gravierende grundsätzliche Schwächen des Spacelabs, ja. bemannter Raumflüge insgesamt, nicht länger leugnen:

Wissenschaftlich war das europäische Raumlabor von Anfang an ungewollt. Es war eine politische Entscheidung, eine schlecht ausgehandelte dazu. Auch ohne den Milliardenaufwand für Spacelab wüßten die Forscher heute, daß die Flüge für Erdbeobachtungsexperimente viel zu kurz sind, daß wegen der von Menschen an Bord erzeugten Erschütterungen chemische und metallurgische Versuche sowie exakt fokussierte astronomische oder geowissenschaftliche Beobachtungen gestört werden, daß für bestimmte Vorhaben das Vakuum in der niederen Erdumlaufbahn des Space Shuttle nicht gut genug ist. Die Mängel gelten auch für diegeplante bemannte Raumstation.

Technisch ist Spacelab keineswegs Spitze, wie immer wieder behauptet wird. „Über eine Milliarde Mark ist in konservative Technik gesteckt worden“, argumentiert der seit 1965 an Weltraumexperimenten beteiligte Max-Planck-Physiker Erhard Keppler, „so daß ein technologischer Schub – beim Shuttle unübersehbar – davon nicht ausging“.

Wirtschaftlich vorteilhaft ist der Transport wissenschaftlicher Experimente an Bord der Raumfahre nur bedingt: Die strengeren Sicherheitsbestimmungen bemannter Flüge zehren den Vorteil größerer Transportkapazität auf. Und für die Visionen erdumkreisender Pharma- und Metallurgiefabriken gab es bei der letzten speziellen Konferenz des internationalen Weltraumforschungskomitees COSPAR „auch bei freundlicher Beurteilung keinen Hinweis“, daß „derlei Prospekte realistische Grundlagen haben könnten“ (Keppler).

Professor Reimar Lust, noch Präsident der Max-Planck-Gesellschaft und bald Chef der Europäischen Weltraumagentur ESA, fordert denn auch „eine sehr kritische Prüfung“ der Spacelab-Ergebnisse, bevor weitreichende politische Entscheidungen in Richtung bemannter Raumstation fallen. Alle wissenschaftlich-technischen Aufgaben im All können spätestens in der nächsten Dekade von ferngesteuerten Robotern besser und billiger erledigt werden, wie unter anderem eine soeben veröffentlichte Nasa-Studie (Telepresence Study) nahelegt.

Warum will dann die Nasa, will der deutsche Forschungsminister jetzt eine bemannte Raumstation? Weder die Wissenschaft noch die Wirtschaft und noch nicht einmal das Pentagon drängen sich danach. Die angesehene britische Wissenschaftszeitschrift Nature nannte Anfang Januar in einem Leitartikel unter dem Titel „Elfenbeinturm im Weltraum?“ die „letztendliche Begründung für eine amerikanische Raumstation“: „Die Sowjets haben eine.“ Günter Haaf