Unter dem Kanonendonner der Schlacht von Jena und Auerstedt hat Hegel die „Phänomenologie des Geistes“ vollendet. Eine eher symbolhafte als zufällige Koinzidenz. Lebendige Geschichte, dargestellt freilich im Medium idealistisch gefaßten Wissens, durchdringt Hegels erstes reifes Werk, das sein schwierigstes und tiefsinnigstes geworden ist. Die 1807 veröffentlichte Schrift, welthaltig und spekulativ zugleich, hätte ihrem Verfasser auch ohne seine späteren Logik, Natur- und Geistesphilosophie umfassenden Werke zu Weltruhm verholfen. Denn sie ist, so Bloch, „voll Jugend ohnegleichen, voll Überfülle und Glut, dichterisch durchaus, wissenschaftlich durchaus, in einzigartiger, morgendlicher Gärung... Nirgends kann genauer gesehen werden, was großer Gedanke im Aufgang ist, und nirgends ist sein Lauf bereits vollständiger“. Mit eben diesen Vorzügen des Buches geht die Unmöglichkeit einher, seinen Inhalt bündig zu referieren. Wie kaum ein anderes philosophisches Werk verlangt die „Phänomenologie“ vom Leser gespannteste Aufmerksamkeit, intensivsten Mit- und Nachvollzug jeder einzelnen Stufe des dialektischen Ganges der Sache, in den er unentrinnbar einbezogen wird. Die oft beklagte, das Verständnis erschwerende Kunstsprache Hegels, die dürre Abstraktionen mit jähester Anschaulichkeit verbindet, läßt sich nicht durch – vermeintlich – genauere Termini verbessern; in ihren Zumutungen drückt sich Hegels – streng durchgeführter – Grundgedanke aus, daß jede Bestimmtheit des Denkens und Seins nur durch ihre entgegengesetzte ist, was sie ist, wobei sie sich von dieser in ihrer Entgegensetzung ebensosehr unterscheidet,\wie sie mit ihr identisch ist.

Einigen Aufschluß gewährt die berühmte, nach der Niederschrift des Ganzen entstandene Vorrede. Hier analysiert Hegel, überzeugt davon, daß eine neue weltgeschichtliche Epoche heraufziehe, die Bewußtseinslage seiner Zeit. Er kritisiert die Beschränktheit des bloß „verständigen“ Erkennens der Aufklärer nicht weniger als den frommen Subjektivismus der Romantiker. Vor allem aber setzt er sich ab von Schelling, dem Tübinger Gefährten. Dessen „schematisierender Formalismus“ in der Naturphilosophie wird ebenso sarkastisch verworfen wie seine Idee einer „intellektuellen Anschauung“. Es gibt kein unmittelbares Wissen von Gott, das nur wenigen Bevorrechteten zuteil wird. Die unentbehrliche Form wissenschaftlicher Einsicht, sagt Hegel, ist das System, die Substanz von Welt wesentlich Subjekt, das heißt Tätigkeit und Werden. Das Wahre, betont die Vorrede (anspielend auf Lessing), läßt sich nicht wie eine fertige Münze einstreichen; es ist vielmehr „der Prozeß, der sich seine Momente erzeugt und durchläuft“. Es ist Hegels Ehrgeiz, die philosophische Wahrheit als konkrete Totalität zu begreifen: „das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen“. Die als Subjekt, im Reichtum ihrer Vermittlungen, sich selbst durchsichtig werdende Substanz ist Geist.

Von ihm sagt Hegel, er sei das „allein Wirkliche“, das „sich selbst tragende absolute reale Wesen“. Über die Fragwürdigkeit des spekulativen Idealismus (dessen Sinn sich freilich nicht aus dieser Generalthese, sondern aus dem vollständigen Studium des Werks ergibt) sind seit Marx und Kierkegaard Bibliotheken geschrieben worden. Darüber wurde zuweilen vergessen, daß Hegels gegenständlicher „Geist“ die existentielle Härte geschichtlicher Erfahrung oftmals getreuer aufbewahrt als mancher schönfärberische Materialismus. Erinnert sei nur an die lakonischen Sätze, mit denen Hegel die Phase des Terreur der Französischen Revolution an Hand einer Analyse des Übergangs von „absoluter Freiheit“ in „Schrecken“ charakterisiert: „Das einzige Werk und Tat der allgemeinen Freiheit ist... der Tod, und zwar ein Tod, der keinen innern Umfang und Erfüllung hat, denn was negiert wird, ist der unerfüllte Punkt des absolut freien Selbsts; er ist also der kälteste platteste Tod, ohne mehr Bedeutung als das Durchhauen eines Kohlhaupts oder eines Schluck Wassers.“

Die „Phänomenologie“ hebt pädagogisch an. Sie will das „erscheinende Wissen“ darstellen, indem sie das natürliche Bewußtsein anleitet, stufenweise aufzusteigen zur spekulativen Wissenschaft. Vorgeführt werden, wie es in Hegels Selbstanzeige heißt, „die verschiedenen Gestalten des Geistes als Stationen des Weges .. ., durch welchen er reines Wissen oder absoluter Geist wird“. Vom unmittelbaren Wissen, der „sinnlichen Gewißheit“, Geist diese zugleich von Stadien, auf denen der stand immer zugleich von sich und seinem Gegenstand weiß, über Wahrnehmung und Verstand zum Selbstbewußtsein. Mit ihr wird die geschichtlich-soziale Welt erreicht; „erkenntnistheoretische“ Dialektik geht über in historische. Im weiteren Verlauf erscheint die beobachtende und handelnde Vernunft, der Geist als sittlicher, gebildeter und moralischer Geist, schließlich die Religion unter verschiedenen Gestalten. Die Schrift schließt mit dem „absoluten Wissen“, das sich – für manche Leser enttäuschend – in einer Reflexion des Ganzen der durchlaufenen Stufen erschöpft. Hier weiß sich der Geist gemäß dem Programm der Vorrede im „absoluten Anderssein“ ohne jeden Rest bei sich. Alles dem Denken Fremde, Äußerliche ist zurückgenommen in die „begriffene“ Bildungsgeschichte des Individuums wie der Gattung.

Sie führt über die Arbeit als erkennend-tätigen Umgang mit der Welt. Diesen Gedanken Hegels wird Marx in den „ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ von 1844 aufnehmen. Er attestiert Hegel, daß er auf dem „Standpunkt der modernen Nationalökonomie“ steht; er „erfaßt die Arbeit als... das sich bewährende Wesen des Menschen“. Allerdings übersieht Hegel – darin liegt Marx zufolge seine idealistische Befangenheit – ihre negative Seite unter bürgerlichen Verhältnissen. Er kennt sie nur als geistiges „Fürsichwerden“ des Menschen, nicht als entäußerte oder entfremdete Arbeit. Wie sie praktisch aufzuheben sei, gehört zu den ungelösten Fragen der Menschheit. Hegels „Phänomenologie“ liefert – im Für und Wider – das Grundvokabular ihrer Diskussion.

Alfred Schmidt

ALFRED SCHMIDT. Professor der Philosophie und Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Vertreter der kritischen Theorie; Beiträge zur Marx-Forschung und zur Diskussion des französischen Strukturalismus.