Historiker mögen, falls ihnen der Sinn danach steht, nachschlagen, wann die Gerhart-Hauptmann-Festspiele in Breslau, oder war es die Jahrhundertfeier, zu der er ein Festspiel schrieb?, stattfanden. Breslau wurde für mich ein Wendepunkt. Mein Bericht über die Festspiele erschien in einer Wochenschrift, die außer vom Herausgeber selbst wohl nur von wenigen gelesen wurde. Ich lernte jedoch durch ihn Erna L. kennen, eine junge Medizinstudentin, die in einem Hospital als Praktikantin arbeitete, und der Erinnerung an meine erste große Liebe haftet ein leichter Karbolgeruch an, den ich ihr bis heute nicht nehmen kann. Die Verbindung von Erotik und Chirurgie weckt in mir Assoziationen, die ich nur undeutlich beschreiben kann. Beide haben etwas miteinander gemeinsam: sowohl der Arzt als auch der Liebende bemächtigen sich eines fremden Körpers, operieren an ihm, der eine aus medizinischen Gründen, der andere aus einem Instinkt, der ihm deshalb so unheimlich ist, weil er Animalisches mit Sublimem verbindet, was mitunter einige Verwirrung anrichten kann, besonders bei jungen Menschen. Hinzu kam, daß Erna L. durch ihren Umgang mit männlichen Leichenteilen in der „Anatomie“ in mir eine Art von morbider Eifersucht aufkommen ließ, die natürlich töricht war. Auf wen, auf was sollte ich eifersüchtig sein? Vielleicht war es auch nur der Umstand, daß sie mir durch ihre Kenntnisse des menschlichen Körpers überlegen war und meine Leidenschaft oft genug auf eine geradezu klinische Weise abkühlte.

Ich fuhr mit Erna L. ins Riesengebirge und küßte ihr auf steilen Pfaden den Karbolgeruch von den Wimpern und lauschte beim Alpenglühen erschauernd ihren Erzählungen von Knochenbrüchen, amputierten Gliedmaßen, Blinddärmen und anderen Operationen. Einmal sezierte sie nach dem Abendessen einen Maulwurf, den sie im Garten gefangen hatte, was mich anekelte, aber ich liebte Erna L., und wir beschlossen, daß ich in Breslau studieren und dort meinen Doktor machen sollte ...

Es gab ein altes und ein neues Breslau. Das neue Breslau war nur neu und deshalb uninteressant. Bürgerliche Wohnverhältnisse. Saubere, asphaltierte Straßen. Geranientöpfe auf den Baikonen. Aber das alte Breslau war wunderbar alt, wunderbar historisch und gestrig. Das alte Rathaus, der Dom, die alten Türen und Brücken. Die Prachtwerkbauten. Die verwinkelten Gassen. Kopfsteinpflaster. Alte Wirtshausschilder. Ein goldener Stiefel. Ein goldener Fisch.

Die Menschen, die in dieser Stadt lebten, sprachen ein Schlesisch wie in Hauptmanns „Weber“. Sie waren dumpf, schwerfällig und mißtrauisch wie Fuhrmann Henschel, der sich an seiner Peitschenschnur erhängt. Oder nachdenklich und verträumt wie Pippa. Das grüblerische Volk der Schlesien Sie lebten nah am Boden, nah am Horizont, wo sich Himmel und Erde berühren. Dahinter kommt gleich die Steppe. Sie essen schwere, wundersame Dinge, Backpflaumen mit Speck und Bohnen und schütten den Branntwein herunter wie Wasser. Ich liebte das alte Breslau, seine Stille und Stiegen und die Beständigkeit und Schönheit seines Alterns. Die Melancholie der Oderlandschaft gegen Abend im Spätherbst. Die Nächte mit Paul Rilla und Arnold Ulitz und dem Maler Aschheim in der kleine Kneipe am Ufer, wo man den weißen Kornschnaps trank und von den langen Würsten aß, die wie Seile von den Wänden herabhingen und von denen man sich ein Stück abschnitt und wannmachen ließ.

Es gab bedeutende Künstler in der Kunstakademie: Oskar Moll und den Bildhauer Bednortz, dessen aus einem Steinblock gemeißelter Lenin-Kopf mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Und es gab den Dichter Fritz Walter Bischoff, der als Leiter des Breslauer Rundfunks Sendungen von hoher literarischer Qualität veranstaltete. Und es gab diesen oder jenen, von dem man mir zuflüsterte: „Den müssen Sie kennenlernen.“ Es war nicht schwer, sie alle kennenzulernen. Man brauchte nicht weit zu gehen. Es gab kleine Weinstuben in den Gassen um die Schweidnitzer Straße, in denen es sich gut sprechen und trinken ließ, es gab das „Domstübl“, es gab das Schloßrestaurant, in dem ich während der Inflationszeit einmal im Monat mit Erna L. zu tafeln pflegte.

Der Monatswechsel, den mein Vater mir schickte, war schon am nächsten Tag entwertet und das bedeutete, daß man ihn sofort in Nahrung umsetzen mußte. Wir bestellten uns Austern, Kaviar, Champagner und die besten französischen Weine und rungelten einen Monat lang, bis wieder neues Geld eintraf. Fünfzigtausend, hunderttausend Mark, die ein paar Tage später nur noch eine Briefmarke oder einen Bindfaden wert waren. Erna L. überbrückte den Hunger zwischen zwei im Schloßparkrestaurant aufgegessenen Monatswechseln, indem sie Krankenkost aus dem Hospital in Marmeladentöpfen heimbrachte, Reisnudelsuppe, in der einige Fleischstücke schwammen, bei denen ich unwillkürlich an den Maulwurf denken mußte, den Erna L. zu Beginn unserer Liebe seziert hatte.

„Pferdefleisch?“ fragte ich bange und wurde in meinen Befürchtungen durch ein Kopfnicken, sowie einen darauffolgenden Vortrag über den Nährwert und die Bekömmlichkeit dieser mir bis dahin zum Glück erspart gebliebenen Nahrung bestätigt...