Von Reiner Klingholz

Vor uns schnurgerade Piste, hinter uns schnurgerade Piste. Stundenlang sind wir gefahren, und kein Mensch ist uns begegnet. Nicht die geringste Abwechslung, nur Wüste und ein paar Büsche. Australien hält seine Sehenswürdigkeiten wahrlich gut versteckt.

Als es längst dunkel ist, heben sich plötzlich die faltigen Hamersley Ranges vom Sternenhimmel ab. Dort, so hatte ich gelesen, sollte es tiefe, enge Schluchten, spektakuläre Felsformationen und eiskalte Wasserfälle geben – vorstellen konnte ich mir das allerdings in dieser Gegend nicht.

Dem britischen Abenteurer Ernest Gregory muß es 1861 ähnlich ergangen sein. Nur daß er dort ein paar Monate vergeblich nach Land gesucht hatte, um Zuckerrohr und Baumwolle anzubauen. Da beides im Inneren von West-Australien nimmermehr gedeiht, blieb es für Gregory bei einer kurzen Stippvisite in der heutigen Region West-Pilbara.

Auch als 1917 der Bergbauverwaltung in Perth gemeldet wurde, daß Geologen im Gestein der Hamersley Ranges Asbest gefunden hatten, wollte keiner in die Wildnis ziehen. Erst zwanzig Jahre später begann der Abbau von Asbest und das Bergarbeiterstädtchen Wittenoom entstand an der Stelle, wo sich die gleichnamige Schlucht aus dem Bergmassiv windet.

Lang Hancock, der damals die Abbaurechte für die Region besaß, gab den Betrieb 1966 wieder auf, weil er nicht rentabel genug arbeitete. Der Minen-Industrielle hatte längst Wichtigeres zu tun: Hundert Meilen weiter südlich war von seinen Suchtrupps bei Tom Price das reichste Eisenerzlager der Welt entdeckt worden. 35 Milliarden Tonnen Erz von extremer Reinheit können dort im Tagebau abgeräumt werden.

Wittenoom hatte wieder nichts abbekommen. Der Ort verödete zusehends. Heute erinnern nur die Straßennamen an bessere Zeiten. In der Fifth Avenue verfallen die Häuser genauso wie in der King Street. Ein paar Bewohner sind trotz allem geblieben, und in letzter Zeit geht es gar wieder aufwärts mit Wittenoom: Touristen sollen den Ort wiederbeleben. Aus diesem Grund wurden die Hamersley Ranges vor zwölf Jahren zum Nationalpark erklärt.