Der Regierungsentwurf zur Änderung des Tierschutzgesetzes greift viel zu kurz

Von Ursula Händel

Lothar Reinbacher, als Arzt ein Autor mit dem Stallgeruch der Weißkittel, hat mit seinem Artikel „Ein Notpfennig für Mäuse?“ in der ZEIT Nr. 51/1983 das getan, was seine Kollegen aus den naturwissenschaftlichen Disziplinen von ihm erwarten durften: Er nahm sich der Tierschützer an, um ihr Engagement für eine Abschaffung oder Reduzierung der Zahl und der Schwere der Tierversuche mit – wie diese es empfinden – Spott und Polemik lächerlich zu machen.

Solche Artikel tragen dazu bei, die vorhandenen Gräben zu vertiefen. Da wird den Tierschützern vorgehalten, Gruselgeschichten aus Tierlabors ohne wissenschaftliche Dokumentation zu verbreiten. Da wird mit Krokodilstränen das schlimme Schicksal der Labormäuse beweint, das im Vergleich zu den von Tierschützern oft vorgeführten Streicheltieren zu wenig Beachtung findet. Da wird die heile Laborwelt mit der Mieze präsentiert, die vergnügt ihre als „Krönchen“ hochgejubelten Elektroden auf der Schädeldecke trägt.

Erkenntnisse über die angeblich andere Qualität der Angst und des Schmerzes beim Tier und der beruhigende Hinweis, daß der hippokratische Eid der experimentierenden Ärzte bei den Tierversuchen zu medizinischen Zwecken die ethische Qualität garantiere, arrondieren das Argumentationsfeld jener sich gönnerhaft mit den Tierschützern auseinandersetzenden Naturwissenschaftler und Ärzte. In fast jedem ihrer Beiträge versuchen sie, die Zahl der tatsächlich durchgeführten Tierversuche zu bagatellisieren und die Befürworter einer drastischen Beschränkung der Tierversuche als kleine Minderheit auszugeben.

Das Ergebnis einer gerade in der Schweiz veröffentlichten Umfrage sagte anderes aus: 29 Prozent der Befragten verlangten ein völliges Verbot aller Tierversuche und 54 Prozent eine Beschränkung; nur 17 Prozent wollten alles beim alten belassen. In der Bundesrepublik Deutschland dürfte eine Umfrage wohl ähnliche Ergebnisse bringen.

Merkt Reinbacher eigentlich nicht (und sein Name steht hier für andere Autoren aus dem gleichen Lager), daß die öffentlichen Auseinandersetzungen über die Verbesserung des Tierschutzes schon längst eine Qualität erreicht haben, die es einfach verbietet, vordergründige Attacken und wissenschaftliche Überheblichkeit an die Stelle sachbezogener Argumente zu setzen?