West-Berlin

Gerti Graff ist 55 Jahre alt, freundlich, aber resolut, Studienrätin und Kirchenälteste im Gemeinderat der evangelischen Jesus-Christus-Kirche – eine wohlsituierte Bürgerin also aus dem renommierten Berliner Stadtteil Dahlem.

Daß ausgerechnet Gerti Graff immer häufiger mit Wertgutscheinen des Sozialamtes bezahlt, wenn sie im Supermarkt Milch, Käse und Obst einkauft, hat schon so manche Kassiererin stutzig gemacht. Denn eigentlich sind die Wertgutscheine, äußerlich Travellerschecks nicht unähnlich, ausschließlich für asylsuchende Ausländer bestimmt. Die Studienrätin ist in Dahlem jedoch nicht die einzige Deutsche, die diese Coupons in die Geschäfte trägt.

Zwanzig bis dreißig seiner Gemeindemitglieder, so schätzt Pfarrer Claus-Dieter Schulze, beteiligen sich regelmäßig an der von ihm inszenierten Umtauschaktion. Am Sonntag nach dem Gottesdienst tauschen die Kirchgänger Bargeld gegen die Bons vom Sozialamt in entsprechendem Wert. Die Banknoten werden am darauffolgenden Dienstag beim regelmäßigen Treffen von Asylbewerbern aus Ghana verteilt – wiederum gegen Wertgutscheine. Der christliche Handel soll den „diskriminierenden Abschreckungspraktiken“ des CDU-Senats entgegenwirken. „Wir wollen ein winziges Stückchen Solidarität üben“, sagt der Pfarrer.

Seit Anfang 1982 beziehen die rund 8000 sozialhilfeberechtigten Asylbewerber in Berlin den größten Teil ihrer Unterstützung in Form von Wertgutscheinen. Sofern sie nicht in Sammelunterkünften untergebracht sind, erhalten sie insgesamt 275 Mark im Monat, davon 55 Mark in bar, 35 Mark werden für Energiekosten abgezogen und 185 Mark in Wertgutscheinen „ausgezahlt“. Wer in öffentlich finanzierten Heimen ißt und schläft, bekommt nur den Barbetrag, es sei denn, er wird zu gemeinnützigen Arbeiten herangezogen. Per Gesetz sind die Bewerber verpflichtet, vierzig Stunden im Monat für drei Mark pro Stunde Wege zu harken und Parks zu säubern, und auch dafür gibt es Wertgutscheine. Im Durchschnitt, so heißt es in der Senatsverwaltung, werden je nach Bedarf 200 bis 300 Bewerber zu diesen Tätigkeiten verpflichtet. Pro Quartal gibt der Senat Gutscheine im Wert von rund 2,5 Millionen Mark aus.

Sinn der Gutschein-Aktion: „Mißbrauch“ der Staatsknete soll verhindert werden. Denn diese ist weder für die Familie im Heimatland noch für sogenannte Schlepper oder „womöglich den Saunabesuch“ gedacht. Annahmeberechtigt sind Lebensmittelketten, denn für den Unterhalt und nicht für den Videorekorder soll die Sozialhilfe verwendet werden.

Pfarrer Schulze ist sich jedoch mit den etwa hundert Ghanaern in seiner Gemeinde einig: Es ist für sie entwürdigend, mit den Scheinen einzukaufen. Ohne Aufsehen kommt keiner der schwarzen Afrikaner durch die Kassenreihen. Häufig schleichen sich Fehler ein, wenn es gilt, die Zahnpasta- und Schokoladenpreise im Kopf zu addieren, um auf den genauen Betrag von fünf, zehn oder zwanzig Mark zu kommen, denn in diesen Größenordnungen werden die Wertgutscheine ausgestellt. Beim Bezahlen gibt es dann meistens ein Theater ums Wechselgeld. Nur zehn Prozent dürfen in bar zurückgezahlt werden, und auch an diese Regelung, so sagen die Ghanaer, hält sich nicht jede Kassiererin.