ZEIT: In Nordrhein-Westfalen ist es jetzt möglich, Bürger zum Anschluß an ein Fernwärmenetz zu zwingen. Wie verträgt sich das mit den Prinzipien der freien Marktwirtschaft?

Jochimsen: Zunächst einmal – das ist keine nordrhein-westfälische Erfindung. Den Anschlußzwang gibt es in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein schon lange. Wir haben jetzt auch die Gemeindeordnung so geändert, daß die Kommunen entsprechende Satzungen erlassen und darin den Anschlußzwang festlegen können. Wir hoffen aber, daß dieser Zwang nie ausgeübt werden muß.

ZEIT: Das klingt ja einigermaßen widersprüchlich. Sie führen die Möglichkeit des Zwanges ein, wollen ihn aber vermeiden. Wie ist das denn zu verstehen?

Jochimsen: Das ist ganz einfach. In meiner Heimatstadt Flensburg erlaubt die schleswig-holsteinische Gemeindeordnung seit langem, den Anschluß an das Fernwärmenetz zu erzwingen. Aber obwohl in Flensburg inzwischen 95 Prozent aller Haushalte mit Fernwärme beheizt werden, war es bisher nicht in einem einzigen Fall notwendig, den Vollzug dieser Zwangsregelung anzuordnen.

ZEIT: Wie schön für Flensburg. Aber nun ist doch erst recht nicht einzusehen, warum man ein Instrument schafft, das dann hinterher gar nicht angewendet werden muß.

Jochimsen: Es geht hier sozusagen um eine fleet in being, um ein Instrument, das verläßliche Grundlagen für die Entscheidungen der Kommunen gibt. Die Städte müssen abschätzen können, welcher Markt für sie erreichbar ist, wenn sie ein Fernwärmenetz planen. Wegen der hohen Investitionskosten kommt es auf eine hohe Anschlußdichte an, wenn Fernwärme wirtschaftlich sein soll. Nur so sind kommunale Versorgungskonzepte unter Einschluß der Fernwärme zu realisieren.

ZEIT: Ein bißchen sieht das so aus, als wäre der zweite Schritt vor dem ersten getan. Denn gerade an den kommunalen Versorgungskonzepten, die Sie unterstützen wollen, hapert es doch.