Entspringt sein Liberalismus der Menschenverachtung? Läßt er schließlich jede Meinung bloß deshalb gelten, weil er keine eigene hat? Und falls er jemand seine Meinung sagt, warum fürchtet er dann gleich, zu weit zu gehen und begnügt sich damit, seine Meinung nur zu äußern? Immerhin, von Autos, Wertarbeit, Zuverlässigkeit – Treue gehört noch dazu – hat er eine eigene Meinung. Aber Treue, dieses Wort spricht er lieber erst gar nicht aus, doch spräche er es auch, fürchtet er, sofort mißverstanden zu werden, denn Treue klingt zu entschieden, und als starrköpfig will er nicht gelten.

Und wer Schuld daran ist, daß er sich eigentlich immer viel zu schnell entschuldigt und seine Ausweichmanöver für Kompromisse hält? Sein Vater war Beamter, und er wurde es auch. Und warum konnte es der Vater so lange bei den Nazis aushalten? Weil er seine Pflicht erfüllte gegenüber seinem Dienstherrn und dem Gewissen. Sein Gewissen sorgte dafür, daß er nicht zu pflichteifrig war; so saß er aufrecht dazwischen. Und nach dem Krieg wurde er noch zweimal befördert. Das war sein Vater.

Und er? Von Privilegien will er nichts hören. Und Laufbahndenken? Das gibt er zu. Wer will denn nicht langsam aufsteigen. Mit der sozial-liberalen Koalition konnte er sich immer gütlich einigen: staatliche Kontrollmöglichkeiten über privatwirtschaftliche Belange, staatliche Sanierungsversuche, staatliche Firmenbeteiligung, ganz oder teilweise ... Aber plötzlich diese Massenschreierei nach Entbürokratisierung. Ist er ein Bürokrat? Er sieht sich als Helfer und Hüter. Und sich in dem ständig wachsenden Wust von Verordnungen sicher durchzukämpfen und zwischen Dienstherrn und Gewissen eine tragfähige Mitte zu finden? Er hält das Gedenken an seinen Vater hoch.

Noch vor einem Jahr erlaubte er sich nicht einmal zu denken, daß einige seiner Amtskollegen Nullen sind. Lieber kritzelte er auf seine Schreibunterlage lauter Nullen und fand dabei noch heraus, daß keine Null wie die andere ist. Könnte er es heute sagen? Und ihm träumte, er hätte eben Mord begangen und fand, daß seine Richter in ihrem Verständnis für seine Lage zu weit gingen. Forderte er für sich die Todesstrafe? Und darf er heute jemand im Amt seine Meinung sagen? Er äußert sie nur, und dabei bleibt er, denn der Personalrat ist überall. Soll er wieder F.D.P. wählen oder SPD? Ist er nicht schon für die CDU? Am liebsten wäre ihm eine große Koalition. Verteilung der Risiken auf mehrere Schultern, jawohl, die gütliche Einigung.

Allein aus gesundheitlichen Gründen hat er beschlossen, künftig aufrechter zu gehen und den Kopf höher zu halten.