Von Luis Murschetz

Vielleicht ist Arie ein Verhörspezialist, denn seine Neugier ist grenzenlos, und seine Fragen verraten System. Natürlich weiß er bald, daß ich ein Karikaturist bin, und noch im engeren Bereich von Kapstadt, auf der Busfahrt zum Kap der guten Hoffnung, verlangt er von mir, daß ich seine Frau zeichne. Das karierte Papier und den Bleistiftstummel kramt er aus einer knautschigen Tasche, die er wie ein Kurier im Dreißigjährigen Krieg vor die Brust gebunden hat.

Ich schaue gequält aus dem Fenster: Über dem Tafelberg türmen sich die Wolken, werden von den Fallwinden vom Grat herabgedrückt und lösen sich über den Schluchten auf wie ein Wasserfall, der niemals den Boden erreicht. Wir schaukeln auf komfortable Weise zunächst durch die noble Gegend von Sea Point, den Marine Drive, nach Camps Bay am Atlantik. Der zeigt sich uns von seiner rauhen Seite. Ein grauer Schleier von Gischt, die der rasenden Brandung entsteigt, liegt über dem weiten Küstenabschnitt und legt sich feucht um Hotels, Restaurants und Residenzen an der breiten Straße. Badebetrieb ist nur in einem Meerwasserpool an diesem Tag.

Arie raschelt mit dem Papier an meinem Ohr. Aber alle Augen sind auf den Lions Head gerichtet, ein mächtiger Bergkegel, der, wie die Zwölf-Apostel-Berge auch, einer maroden Küstenwache gleich, dem Ende der Zeiten entgegenbröselt.

Noch bevor die Straße sich nach Suikerbossie hochwindet, sehen wir den auf Grund gelaufenen Luxusdampfer einer griechischen Reederei. Wracks sind wahrlich keine Seltenheit an der Südspitze des Kontinents Afrika. Sie sind eingetragen in den Landkarten wie Naturwunder oder Campingplätze. Aber dieser Dampfer sieht nicht aus wie ein Wrack, es fehlt ihm die Schlagseite, er stirbt aufrecht in den Felsen verkeilt, die ihn unter Wasser wie Schraubstöcke festhalten. Die Rostfarbe hat gegen das Weiß schon längst gesiegt, das nur noch am Erste-Klasse-Deck und an der Brücke seine aussichtslose Position verteidigt. Sonst scheint auf dem Schiff alles intakt. Gleich werden, in meiner Vorstellung, Kapitän und ein paar Passagiere im Dinnerjacket mit rostigen Knöpfen an die Reling treten, um uns zu winken.

Unweit davon ließen die gefährlichen Strömungen und vielleicht auch falsche Navigation zwei Tankerriesen stranden. Jetzt liegen sie tief im Wasser, wie Tanker es tun, wenn sie vollbeladen sind, nur werden diese hier nie wieder leichtern.

Wir verlassen den Schiffsfriedhof, pietätlos Dieselwolken ausstoßend, und fahren hinunter nach Houtbaai, in die Holzbucht der frühen Siedler und Schiffsbauer. Die Höhen ringsum sind in einer unwirklich klaren Luft abweisend kahl. Einfache Häuser und Schuppen am Hafen passen sich dieser Kargheit an. Nur an den geschützteren Stellen zeigt sich die üppige Vegetation dieser subtropischen Breiten.