Von Hans-Joachim Müller

C’est une fête pour les yeux“, hat Max Liebermann 1896 ausgerufen und dazu erklärt: „Mit dem Verstand ist ihm nicht beizukommen. Es ist eine rein sinnliche Kunst, die nicht zu verstehen, sondern nur zu empfinden ist.“

Sinnlichkeit gegen Verstand, ein Fest für die Augen. Beste Voraussetzungen für Ruhm und Nachruhm. Da also liegt das ganze Erfolgsgeheimnis. Kaum eines lebenden Malers Bilder, setzt Liebermann seine Bewunderung fort, würden so teuer bezahlt wie die von Degas.

Der Rezensent der achten Ausstellung der Wiener Sezession zur Jahrhundertwende, an der Edgar Degas mit „drei Bildchen“ vertreten war, geriet ins Schwärmen: „Es ist entzückend, wie er die Atmosphäre der künstlichen Kulissenluft wiedergibt, wie er seinen kleinen Tänzerinnen Leben einhaucht durch die zarte Harmonie der Fleischtöne, durch die goldig flimmernde Luft, welche sie umfächelt...“

Eine Stimme nur unter vielen, die fortan das Bild vom „Maler und seinen kleinen Tänzerinnen“ zurechttupften. Das Entzücken war groß und wurde einhellig, an Degas’ Identität schien kein Zweifel sinnvoll. Ein komme des femmes mit dem Opernglas. Verehrer von raschelndem Tüll und Spitzenschuhen. Ballettomane bis hinter die Kulissen und in die Garderoben hinein, wo er seinen zierlichen Opfern gar bei der intimen Toilette auflauerte: „Und das alles mit einer Naivität“, entschuldigte Liebermann, „mit der ein unverdorbenes Mädchen über die heikelsten Dinge spricht.“

Solche etwas halbseidene Kasuistik, die in der offenkundigen Untugend letztlich doch die Tugend erkennt, war indes nur möglich in der krassen Beschränkung auf einen bestimmten Werckomplex, der sicherlich zur Popularität dieses Künstlers entscheidend beigetragen hat. Daneben ist aber auch schon früh ein ganz anderer Degas entdeckt, eine gewisse Kühle seiner Beobachterrolle registriert worden. „Schon zu Beginn wärmt wenig Menschlichkeit“, befindet Julius Meier-Graefe 1924.

In Deutschland ist Degas noch nie so ausführlich ausgestellt worden wie jetzt in der Tübinger Kunsthalle – fast sieben Jahrzehnte nach dem Tod des Künstlers. Die Überraschung reicht tief, und sie bezieht sich (mehr noch als auf das schwer glaubhafte Versäumnis) auf die nun augenscheinliche Fahrlässigkeit, mit der da die Werksumme vorschnell gezogen worden ist.