/ Von Hermann Rudolph

Ein „Traumland der Waffenstillstandsperiode“: Das Bild gilt der Nachkriegszeit. Es ist freilich die erste deutsche Nachkriegszeit, der dieses nachdenkliche Etikett aufgedrückt worden ist; es findet sich in den „Spektator-Briefen“, mit denen der Theologe und Philosoph Ernst Troeltsch 1918/19 das Ende des Kaiserreichs und den Versuch, eine Demokratie zu errichten, begleitete. Aber paßt die Formel nicht auch auf die zweite deutsche Nachkriegszeit? Denn diese Jahre zwischen 1945 und 1949 waren zwar so mitleidlos dem Realitätsprinzip ausgeliefert wie kaum eine andere Periode der Geschichte. Sie waren Trümmerzeit, Überlebensprobe, Fegefeuer und Weichenstellung, Ende und Anfang. Leere und, auch dies, erfüllter Augenblick. Aber zugleich waren sie auch eine Zeit zwischen den Zeiten, ja, in gewissem Maße außerhalb der Zeiten – halb Chaos, der Zustand, bevor sich, biblisch gesprochen, das Feste vom Wasser zu scheiden begann, halb ein schattenhaft-vielversprechendes Reich des Ungeborenen.

Es macht den besonderen Stellenwert dieser Jahre für die Geschichte nach dem Kriege aus, daß ein Hauch davon an ihnen haften geblieben ist. Sie dauern fort als jene Stunde Null, von der immer wieder behauptet worden ist, daß es sie in Wahrheit gar nicht gegeben habe, der aber doch bislang niemand das Lebens- und Verheißungslicht ausblasen konnte, mit dem sie am Grund der Nachkriegsjahre flackert. Sie tauchen als heroische Epoche, als Exempel für Mut, Leistungswillen und Gemeinsamkeit immer dann auf, wenn es der Bundesrepublik wieder einmal an solchen Tugenden zu mangeln scheint. Sie sind gleichsam die eiserne Reserve der Nachkriegsgeschichte in der Möglichkeitsform: die Wie-es-hätte-gehen-können- oder -sollen-Geschichte, die ihrer realen Geschichte schattenhaft folgt.

Doch drückt sich in diesem Bild der Nachkriegsgeschichte mehr aus als Nostalgie, die wohlfeil, aber zumeist auch fragwürdig ist. In ihm spiegelt sich auch, daß diese Zeit ja wirklich einen Anfang setzte. Die Möglichkeit, einen neuen Anfang zu machen, etwas zu gründen, das so vorher nicht da war, gibt dem politischen Handeln – wie Hannah Ahrendt, die große politische Philosophin, nicht müde geworden ist, hervorzuheben – eine besondere Würde; sie hebt es über das bloße Reagieren, Sich-Arrangieren und Verwalten hinaus. Und wenn auch die Männer und Frauen, die damals darangingen, die deutschen Dinge wieder ins Lot zu bringen, wenig genug verband mit den Akteuren der amerikanischen Revolution, an denen Hannah Ahrendt ihre hohe Auffassung von der Bedeutung des Anfangens und Gründens erläutert hat, so reicht doch eine Spur davon auch in die Versammlungen der mageren Nachkriegs-Gestalten hinein, die da in schlotternden Anzügen, schlecht geheizten Räumen und unter den Argusaugen alliierter Militärs Gemeinderäte wählten, die Verwaltung in Gang setzten und Gesetze berieten.

Um so wichtiger ist die Frage: Was begann da eigentlich? Wurde tatsächlich ein Anfang gewagt oder, im Gegenteil, die Chance eines Anfangs vertan? Der Streit darüber dauert fast seit der Stunde Null selbst. Die Antworten sind oft genug mit ein paar historischen Versatzstücken ausgekommen, und in der Tat stellten sie vielfach weniger ein Urteil über die Vergangenheit als über die Gegenwart dar. Aber wirklichen Erkenntniswert bekommen sie nur, wenn die Geschichte dieser Jahre selbst den Maßstab abgibt.

Diese Geschichte ist jetzt erzählt worden, ausführlicher als je zuvor, mit grundsätzlicherem Anspruch, als ihn bisherige Versuche erhoben haben, von Theodor Eschenburg, einem Autor, der dazu prädestiniert ist wie kaum ein anderer.