Von Hans Schueler

Nein, mit einer Ehrenerklärung des Ministers für seinen Mandanten will und wird er sich nun nicht mehr begnügen. Er verlangt die volle Rehabilitierung: „Dazu gehört, daß die Entlassung des Generals aufgehoben wird und er die Uniform wieder anziehen darf.“ Konrad Redeker hat das einzige getan, was ihm blieb, um den unter kräftiger Mitwirkung der Bonner Hardthöhe zerstörten Ruf von General a. D. Dr. Günter Kießling wiederherzustellen. Er hat Klage beim Verwaltungsgericht in Köln erhoben.

Die Klagebegründung ist von lapidarer, für den beklagten Verteidigungsminister Manfred Wörner fast beleidigender Kürze. Und sie hat, so wie die Dinge mittlerweile liegen, gute Aussicht auf Erfolg. Denn Wörner machte sich in einem Brief vom 12. Januar an Rechtsanwalt Redeker – wie auch kurz darauf im Verteidigungsausschuß des Bundestages – die windige Behauptung seines „Militärischen Abschirmdienstes“ zu eigen, der General verkehre im homosexuellen Kölner Milieu; er habe dort Kontakte zu Strichjungen unterhalten und sich damit erpreßbar gemacht. Also sei er ein Sicherheitsrisiko; deshalb habe sein Minister ihn entlassen müssen.

Die Einlassung des Ministers auf den Vorwurf der Homosexualität allein zeugt von dem juristischen Qualitätsgefälle zwischen den Rechtsberatern auf der Hardthöhe und der äußerlich bescheiden anmutenden Anwaltspraxis Redeker-Dahs in der Bonner Oxfortstraße. Es verläuft erkennbar von unten nach oben: Hätte Wörner den stellvertretenden Nato-Oberbefehlshaber für Europa „ohne Angaben von Gründen“ in den einstweiligen Ruhestand geschickt, wie das Soldatengesetz es ihm möglich macht, und wäre er eisern dabei geblieben, keine Gründe zu nennen oder gar nachzuschieben, so hätte Günter Kießling sich schwer getan, der abrupten Pensionierung zu widersprechen. Nun kann er es, weil sich seine Gegner ohne Not die volle Beweislast auf die Schultern geladen haben – eine Last, unter der Wörner nach Konrad Redekers Überzeugung zusammenbrechen wird.

Er sagt dies ohne den leisesten Anflug von Schadenfreude. Redeker, der kühle, großgewachsene, 61jährige Mann mit milden Augen unter der breiten Stirn und dichten Augenbrauen, fühlt sich in diesem Augenblick eins mit seinem Auftraggeber, dem General Er ist in seinem Rechtsempfinden tief verletzt: „Da wird einem Menschen Kurzerhand die Ehre abgeschnitten, indem man ihn öffentlich mit Tatsachenbehauptungen diskreditiert. Und eben die, die das zu verantworten haben, verweigern ihm jede Chance, sich von den Vorwürfen zu entlasten. Ich habe als Anwalt von General Kießling bis heute keinerlei Einsicht in die ihn angeblich belastenden Akten bekommen. Da haben die einfach einen Geheimstempel draufgedrückt und basta.“

Konrad Redeker dürfte es für sein Mandat neben dem rechtlichen auch an militärischem Verständnis nicht fehlen. Er hat den Zweiten Weltkrieg als Infanterie-Offizier in all seinen Schrecken erlebt, bis hin zu der Einsicht, daß eine schwere Verwundung an beiden Beinen ihn an der Wahl des eigentlich gewünschten Berufes hindern würde: Er hatte Organist werden wollen. Der Musik und besonders der Kirchenmusik gilt heute noch seine private Neigung. Doch wieviel bleibt dafür übrig bei einem durchschnittlichen Arbeitstag von zwölf bis vierzehn Stunden?

Ich habe Rechtsanwalt Redeker vor einem Vierteljahrhundert kennengelernt – als Funktionär in allerlei juristischen Vereinigungen. Damals schon fiel mir auf, daß der junge Anwalt mit Sicherheit eines nicht war: ein Funktionär. Er hat niemals für seinen Berufsstand geworben, wie es allenthalben üblich ist, sondern immer nur für die diesem Berufsstand – der Anwaltschaft – anvertraute Sache. Dies entsprach der Tradition der Anwaltspraxis, in die er hineingewachsen ist, der Praxis von Hans Dahs, dem bis zu seinem Tod im Mai 1972 bedeutendsten Strafverteidiger der Bundesrepublik. Dahs hatte im Strack-Prozeß die Adenauer-Staatssekretäre Blankenborn und Hallstein, später in der „Leihwagenaffäre“ den Ministerialrat Kilb verteidigt. Die Ära des Bonner Landgerichtsdirektors und Strafkammervorsitzenden Quirini war auch die Ära des Rechtsanwaltes Hans Dahs: Das Verfahren um den Vertriebenen-Minister Oberländer wegen dessen angeblicher NS-Vergangenheit, die Bestechungs-Affären um die Firma Henschel, wo ein „Quirin“ zum Maßstab für die Bestechlichkeit oder Unbestechlichkeit eines Beamten wurde – freilich ging es damals noch um Kugelschreiber und kostenloses Autofahren.