Von Marlies Menge

Berlin, im Januar

Wer sich im Gespinst der schwierigen Ost-West-Beziehungen ein wenig auskennt, atmete auf, als die sechs DDR-Bürger, die in der amerikanischen Botschaft um politisches Asyl gebeten hatten, bereits nach zwei Tagen im Westen eintrafen. Es war noch einmal glimpflich ausgegangen. Das Risiko war hoch. Es fragt sich, ob die sechs bedacht haben, daß ihre ungewöhnliche Art, die Ausreise zu erzwingen, für andere, die noch in der DDR sind, neue Schwierigkeiten bringen könnte. Unangenehme Folgen bedrohen zum Beispiel jene Menschen, die westliche Botschaften besuchen, um sich dort Rat zu holen oder das kulturelle Angebot wahrzunehmen. Sie werden in Zukunft wahrscheinlich stärkeren Kontrollen der DDR ausgesetzt sein. Repressalien gegen andere Ausreisewillige sind zu erwarten, um sie davon abzuhalten, einen ähnlichen Weg aus dem Lande zu suchen. Die DDR kann es sich nicht leisten, die westlichen Botschaften zu Schlupflöchern in der Mauer werden zu lassen. Denn würden sie von all jenen in der DDR, die ausreisen wollen, als Asyl mißbraucht – was rechtlich gar nicht zulässig ist dann könnten sie ihren normalen Betrieb bald einstellen. Zu viele wollen das Land verlassen.

Bisher ist nur wenig über die sechs Ausgereisten bekannt: Der 19jährige René Faccin besitzt die italienische Staatsbürgerschaft, durfte aber dennoch nicht ausreisen; er ist gelernter Sattler und hat als Krankenpfleger gearbeitet, Der 23jährige Jörg Heikal saß wegen Republikflucht 22 Monate im Gefängnis. Seine Eltern sollen beim Staatssicherheitsdienst arbeiten. Auch der 28jährige Bernd Macke, der Kunstgeschichte studiert hat, ist Sohn eines Stasi-Mitarbeiters. Bernd Macke wurde wegen eines Ausreiseantrags exmatrikuliert. Das Ehepaar Petra und Daniel Klingenberg aus Potsdam (die anderen vier Abspringer sind aus Ost-Berlin) hatte mehrere Ausreiseanträge gestellt. Der 43jährige Bernd Apel saß wegen eines Fluchtversuchs 18 Monate im Gefängnis.

Am Freitag letzter Woche trafen sie sich in Ost-Berlin und warfen zunächst einen Brief an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker in den Briefkasten, in dem sie ihn über das, was sie vorhatten, informierten. Dann gingen sie in die amerikanische Botschaft – mit einem Brief an Präsident Reagan in der Tasche, in dem sie um Schutz und Hilfe für ihre Übersiedlung in ein „demokratisches Land“ nachsuchten – und baten um politisches Asyl Damit war eine knifflige Situation sowohl für die Amerikaner als auch für die DDR-Regierung entstanden.

Noch wäre es möglich gewesen, die Sache ohne großes Aufsehen zu lösen, wie schon schwierigere Fälle zwischen westlichen Vertretungen und der DDR geregelt worden sind. Es ist unbekannt, ob die Amerikaner versucht haben, die DDR-Bürger von ihrem Vorhaben abzubringen, westliche Korrespondenten zu informieren. Die Grippe rief jedenfalls von der Botschaft aus den Hörfunk-Korrespondenten der ARD, Eckart Bethke, an. Ein westlicher Korrespondent steht manchmal vor der schwierigen Frage, ob er schlicht seinen Beruf ausüben soll, indem er berichtet, was er weiß, oder ob er darauf verzichtet, der politischen Vernunft zuliebe. Der Rundfunk-Korrespondent meldete die Nachricht.

Daß die gewagte Operation dann doch noch so glücklich für die sechs aus der DDR ausging, ist sicher der Besonnenheit und der Diskretion jener zu danken, die zwischen ihnen und der DDR-Regierung vermittelten. Es läßt sich nur erahnen, was in den beiden Tagen beredet wurde, bevor die sechs DDR-Bürger – begleitet von dem DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel und dem ständigen Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin, Hans-Otto Bräutigam – über den Grenzübergang Invalidenstraße nach West-Berlin fuhren. Die Spekulationen sind müßig, ob nun die Sowjetunion maßgeblich an der schnellen und unbürokratischen Lösung beteiligt war oder ob Erich Honecker ganz allein Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, seinem Vertauten in Sachen humanitärer Ost-West-Probleme, freie Hand zum Handeln gab.