Von Peter W. Jansen

Zuerst sollte er heißen „Die Blutspur führt zum Traualtar“, denn nichts schützt Filme vor ihren Freunden, den Verleihern, auch wenn es der Filmverlag der Autoren ist. Doch dann besann man sich noch eines halben andern. Aus „Vivement dimanche!“ (Schleunigst Sonntag!) wurde, auf Biegen und Brechen, „Auf Liebe und Tod“, aus François Truffauts Kriminalkomödie zwar keine Farce, aber ein Thriller. Gemessen an dem Film, der unter diesem Titel in deutsche Kinos kommt, ist also trotzdem eine Farce daraus geworden.

Julien Vercel, Immobilienhändler einer Provinzstadt, gerät in Verdacht, den Geliebten seiner Frau und später sie selbst umgebracht zu haben. Barbara, seine Sekretärin, versteckt ihn vor der Polizei im Keller. Von dort aus kann Julien die Beine der am Kellerfenster vorbeigehenden Frauen betrachten, während Barbara die Nachforschungen aufnimmt. In deren Verlauf werden noch eine Kinokassiererin und der Manager eines Nachtlokals getötet. Dann gelingt es Barbara durch eine Intrige, den wirklichen Mörder zu stellen. Während sie, endlich ist Sonntag, mit Julien getraut wird, läßt der Photograph – Barbaras früherer Mann, mit dem sie nur noch in einer Amateurtheatertruppe spielen mag – sein Objektiv fallen. Er traut sich nicht, es aufzuheben: Die Chormädchen in ihren weißen Wollstrümpfen und schwarzen Schuhen spielen damit in der Kirche Fußball.

Die Bilder könnten von Buñuel sein, aber sie sind Truffaut pur. Er ist seinen Obsessionen und Fetischismen nicht entronnen und bleibt ihnen, sich selbst genießend, treu. Wie dem lange schon eingeübten Wechsel der Sujets und Genres seiner Filme. Wie auf „Sie küßten und sie schlugen ihn“, dem autobiographisch geprägten Kindheitsdrama, der Kriminalfilm „Schießen Sie auf den Pianisten“ folgte, auf die Komplikationen der „Zwei Mädchen aus Wales“ die Kriminalgroteske „Ein schönes Mädchen wie ich“, auf die Amour-fou-Geschichte der Adele H. bald die Tragikomödie vom „Mann, der die Frauen liebte“, auf das nekrophil ausgeleuchtete Kerzenstück „Das grüne Zimmer“ die angestrengt bunte Ehekomödie „Liebe auf der Flucht“, so stellt er sein inneres Gleichgewicht, wie es scheint, und das Gleichgewicht des Erfolgs nach dem völlig humorfernen Melodram von der „Frau nebenan mit einem Film wieder her, der Krimi und Komödie, die ungebrochene Liebe zum amerikanischen B-Picture und die unverwüstliche Neigung zum Boulevard miteinander vereinigt: Hitchcock und Labiche.

Wie dicht hier alles beieinanderliegt und ineinandergreift, zeigt schon die Entstehungsgeschichte. Der Film ist nicht nur eine Reaktion auf den vorhergehenden, er wurde vielmehr aus der „Frau nebenan“ geboren. Bei der Besichtigung von Mustern, erzählt Truffaut, „gab es eine Szene, wo Fanny Ardant im Trenchcoat um das Haus von Depardieu schleicht; einige Leute vom Team meinten: Das ist toll, Fanny sieht jetzt aus wie in der Schwarzen Serie. Aus diesen Überlegungen ist der Film entstanden.“

Er war von vornherein als Film für Fanny Ardant gedacht, die Truffaut nach einer Fernsehrolle der Ardant bei Nina Companeez als die „Frau nebenan“ für das Kino entdeckte. „Man glaubt, sie ist Italienerin, oder man sucht in der Richtung Katherine Hepburn. Man kann sie mit keiner französischen Schauspielerin aus jüngster Zeit vergleichen; man muß schon weit zurückgehen, vielleicht zu Maria Casarès.“ Ähnlich hatte sich Truffaut für Catherine Deneuve („Das Geheimnis der falschen Braut“ und später „Die letzte Metro“) entschieden, für Isabelle Adjani („Die Geschichte der Adele H.“), für Bernadette Lafont („Ein schönes Mädchen wie ich“), immer wieder für Jean-Pierre Léaud oder auch für Charles Denner, für den ihm „Der Mann, der die Frauen liebte“ schon einfiel, als er ihn in der Nebenrolle des geilen Malers Fergus von Jeanne Moreau ermorden ließ („Die Braut trug Schwarz“).