Als alle fleißig am Wiederaufbau arbeiteten, verbissen vorwärts schauten und ja nicht zurück, drehte Wolfgang Staudte inmitten der Ruinen von berlin 1946 den „Trümmerfilm“: „Die Mörder sind unter uns“. In Deutschland (West und Ost) war die Erleichterung über den „tapferen Anfang“ mit dem ersten echten deutschen Nachkriegsfilm allgemein. Hätte sich Staudte, nachdem er stellvertretend für den deutschen Film die Pflichtübung in Sachen Vergangenheitsbewältigung moralisch makellos bewältigt hatte, harmloser Unterhaltung zugewandt, so wäre ihm ein ehrenvolles Andenken sicher gewesen.

Doch als der 1950 in den DEFA-Studios der DDR produzierte Film „Rotation“ in die westdeutschen Kinos kommt, beginnt der Skandal Staudte. Im Klima des kalten Krieges und der Restauration erregt der Rückgriff in die gar nicht so weit zurückliegende Vergangenheit Anstoß. Die Geschichte des Druckereiarbeiters, der als Mitläufer zuerst Mitglied der NSDAP wird, später aber eine kommunistische Widerstandsgruppe unterstützt und vom Sohn verraten wird, veranlaßt den Kritiker der Welt, infame Parallelen zwischen „Jud Süß“ und „Rotation“ zu ziehen. Andere sind kaum zurückhaltender. Solche Töne beschwichtigen Staudtes Angst vor Rotation, der Wiederholung der Geschichte, gewiß nicht. Er läßt nicht locker. Noch gründlicher sucht er nach den Ursachen des Faschismus, zeigt, daß der Nationalsozialismus nicht als „Betriebsunfall“ zu entschuldigen ist. Nach Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ entwirft er die Typologie des nach oben buckelnden, nach unten tretenden Radfahrers, der sich am wohlsten fühlt, wenn er Befehlen gehochrt. Die offizielle Reaktion in Deutschland-West auf den DEFA-Film beweist wiederum, daß Manns Satire von 1928 mit Staudtes Bildern als Bloßstellung eines noch längst nicht ausgestorben nen Typus immer noch böse sticht. Sechs Jahre lang schützt ein Aufführverbot das bundesdeutsche Publikum vor dem Nachdenken über den Untertanengeist.

Staudte macht es den politisch ambitionierten Kritikern, die dem Zeitgeist huldigen, schwer. Niemand wagt ernstlich, Staudtes Filme als schludrig zusammengeschusterte kommunistische Pamphlete zu beschimpfen. Also greifen Kritiker und Politiker zu anderen Waffen. „Glänzend in der Form... unwahr und betrügerisch im Geiste“ lautet das Motto. Filmproduktionen in der Bundesrepublik, die Staudte beschäftigen, bekommen finanzielle Sanktionen zu spüren, Staudte selbst wird immer wieder wechselweise nationalsozialistisches oder kommunistisches Mitläufertum vorgeworfen. Dabei verschweigt der 1906 geborene Staudte nie, daß er in der Nazizeit in kleinen Filmrollen gespielt hat, Werbefilme und sogar zwei Spielfilme inszenierte. Staudte fühlt sich mitschuldig. Er will nicht schweigen, sondern seine Schuld abtragen, zuerst in der DDR, und als er hier keine Arbeitsmöglichkeit mehr findet, in der Bundesrepublik. Doch das Wirtschaftswunderland reagiert empfindlich darauf, daß Staudte in Filmen wie „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959), „Kirmes“ (1960) und zuletzt „Herrenpartie“ (1964) behauptet: Die Mörder sind unter uns. Sein Ruf als „Nestbeschmutzer“ ist längst besiegelt.

Nach „Herrenpartie“, dem letzten Film, den Staudte, wie er es nannte, „machen wollte“, gibt es für ihn, wie auch häufig in den Jahren zuvor, nur noch Filme, die er „zu machen. hatte“: ehrenwerte Kinofilme, achtbare Fernsehproduktionen. Als der Regisseur Staudte derart „unschädlich“ gemacht ist, erlaubt sich auch die Bundesrepublik versöhnliche Gesten, die dem Geehrten freilich wie Hohn klingen müssen. Denn Staudte bekommt zwar Regieaufträge für den „Kommissar“ und den „Seewolf“, doch für zeitkritische Satiren ist die Zeit immer noch denkbar schlecht. Der Skandal Staudte dauert an.

Am vergangenen Donnerstag starb Wolfgang Staudte im Alter von 77 Jahren während der Dreharbeiten zu einem neuen Film.

Lina Schneider