Leben in der Neuen Welt: Zwei Jahre nach seiner Ankunft in St. Louis hat sich der niedersächsische Tischler Hinrich Lüder auf seiner Farm gut eingerichtet. Doch wie mühsam der bescheidene Wohlstand erkämpft wurde, beschreibt er seinen Angehörigen in einem langen Erzählerbrief, Die Aufzeichnungen des Auswanderers, zur Verfügung gestellt von Richard Drobek, enden mit dem Wunsch, auch die Geschwister sollten sich zum Abenteuer Amerika entschließen.

Zu Hause hatten wir das Fieber und brauchten den Doktor. Es half auch aber wir bekamen es immer wieder bis ich es leid war und wir ihn nicht mehr holten. Endlich gegen Pfingsten verlor es sich und wir sind seit der Zeit alle recht gesund.

ich und meine Frau werden jetzt so dick und fett, daß unser ganzes Zeug zu klein wird, und es gefällt uns allen hier so gut, daß wir uns nie wieder nach Deutschland wünschen. Wir sind unsere 18 Familien wovon ich am nächsten bei der Stadt wohne. Eine deutsche Kirche und Schule haben wir noch nicht, wollen uns aber eine bauen. Kirche wird alle 14 Tage wechselseitig in unseren Häusern abgehalten. Der Pastor wird alle Jahr aufs neue gemietet und kriegt ungefähr 30 Dollar ohne Kindtaufen was wenig ist und deshalb erhält er für jedes Kind 1/2 Dollar,

Meine nächsten deutschen Nachbarn wohnen eine kleine halbe Stunde und mein nächster englischer Nachbar nur 200 Schritt von mir. Christian Kothe wollte gern, daß ich mich bei ihnen ankaufen solle, doch kann ich mich dazu nicht entschließen, da ich meine Farm zu sehr liebe. Sie ist eine der besten und gesündesten in der Nachbarschaft. Auch habe ich gutes und reichlich Wasser und bin hier zudem noch der einzige Tischler. Viel gäbe ich darum wenn meine beiden älteren Mädchen Jungens wären, damit ich Hilfe hätte. Einen Gehilfen zu nehmen, steht mir nicht an und für einen Lehrling müßte ich wohl 60 Dollar geben, und dann würde er mir doch noch weglaufen, wenn er etwas gelernt hätte.

Auf meinen Ländereien ernte ich jedes Jahr, wovon 1/3 reines Korn ist. Es ist soviel, daß ich genug Brotkorn und für das Vieh genug Futterkorn habe. Daneben betreibe ich mein Handwerk, wobei ich mich besser stehe, denn ich verdiene täglich, wenn ich außer Haus arbeite 1 Dollar und zusätzlich das Futter für mein Pferd. Das vorzügliche Korn, das hier wächst, ist Mais oder türkischer Weizen.

Was man übrig hat an Feld und Gartengewachsen, auch Eier, Butter und Käse, das bringt man in die Stadt wo beinahe in jedem Haus ein Kaufmannsladen ist. Kann man kein bares Geld bekommen, so tauscht man es gegen andere Sachen, die man benötigt. Es ist hier aber alles verhältnismäßig teuer wie in Deutschland, doch kauft man groß ein, so ist es billiger.

Fleisch wird hier in der Regel 3mal des Tages gegessen und auch 3mal Kaffee getrunken. 100 Pfd. Weizenmehl kosten 2 Dollar. Von einem Mäßigkeitsverein weiß man hier gar nichts. Wer sich betrinkt, wird mit Verachtung bestraft.