In der letzten Woche veröffentlichte die ZEIT eine Bilanz des sowjetischen Chefunterhändlers Julij Kwizinskij über das Scheitern der Genfer Mittelstreckenraketen-Verhandlungen. Ihm antwortet sein amerikanischer Kollege Paul Nitze:

Im Juli 1982 kamen Herr Kwizinskij und ich überein, den Versuch zu unternehmen, ein umfassendes Paket gegenseitiger Zugeständnisse zu schnüren, das, wenn beide Regierungen es akzeptieren, alle wichtigen noch offenen Probleme lösen könnte. Dabei sei klar, daß zunächst die beiden Regierungen nicht gebunden wären. Das Ergebnis war die „Waldspaziergang“-Formel, die im wesentlichen die beiden Raketenabschußvorrichtungen beider Seiten auf 75 begrenzt, die Stationierung amerikanischer Pershing-II-Raketen in Europa ausgeschlossen und die Zahl der sowjetischen Abschußvorrichtungen im asiatischen Teil der Sowjetunion bei 90 eingefroren hätte. Während der Sommerpause hörte ich nichts von der sowjetischen Seite. Dann, im September 1982, überreichte mir Herr Kwizinskij während eines privaten Treffens eine Kopie seiner Anweisungen, die alle jene Prinzipien strikt zurückwiesen, auf denen die „Waldspaziergang“-Formel beruhte. Während des folgenden Jahres blieben die Gespräche weitgehend festgefahren.

Im Frühsommer 1983 sagte Herr Kwizinskij mir, er betrachte die im September beginnende Verhandlungsrunde als diejenige, in der es zum „Endspurt“ kommen werde.

Der „Endspurt“ begann am 22. September mit einem Angebot wesentlicher westlicher Zugeständnisse durch Präsident Reagan: einer Begrenzung bei den Flugzeugen; einer Untergrenze für amerikanische Mittelstreckenraketen in Europa im Rahmen einer globalen Begrenzung solcher Raketen; der Festlegung, daß von einer Reduzierung sowohl die Pershing II als auch die Cruise Missiles betroffen würden.

Die Prawda vom 27. Oktober brachte ein Interview mit Jurij Andropow, in dem er anbot, die in Europa aufgestellten SS-20-Raketen auf 140 zu reduzieren, die Stationierung weiterer SS-20 im Fernen Osten bei Inkrafttreten einer Übereinkunft zur Begrenzung der Mittelstreckenraketen – in Europa zu stoppen und die Zahl der Flugzeuge in einer Weise zu begrenzen, die den westlichen Vorstellungen ziemlich nahe kam.

Herr Kwizinskij berichtete mir von Andropows Interview bei einem Abendessen am 26. Oktober. Später am selben Abend überraschte er mich mit der Bemerkung: „Warum schlagen Sie nicht gleiche Reduzierungen auf beiden Seiten vor?“ Ich erinnerte ihn daran, daß er mir ein Jahr zuvor erklärt hatte, diese Idee sei für Moskau inakzeptabel. Er erwiderte, sein jetziger Vorschlag sei ein anderer; die sowjetischen SS-20-Abschußvorrichtungen in Europa könnte man auf 120 senken, und, noch wichtiger, auch die Anrechnung der britischen und französischen Systeme umgehen. Einige Tage später bat ich ihn, seine Position klarzustellen.

Am 12. November rief Herr Kwizinskij mich an und bat um ein Treffen am nächsten Morgen. Bei dieser Begegnung sagte er mir, er sei angewiesen, mir mitzuteilen, daß Moskau einen westlichen Vorschlag akzeptieren würde, die Raketen in Europa auf beiden Seiten um 572 zu reduzieren. Rätselhafterweise hat Herr Kwizinskij seither so getan, als hätte ich diesen Vorschlag iritiiert.