Von Marion Gräfin Dönhoff

Wer die Machtergreifung Hitlers bewußt in allen Phasen miterlebt hat, der kann sich nur wundern, daß derzeit immer wieder eine Parallele vom Fall Kießling zur Fritsch-Krise im Jahr 1938 gezogen wird. Der Spiegel schreibt bei seiner Schilderung sogar treuherzig, es habe sich damals herausgestellt, "daß die Gestapo einer Verwechslung aufgesessen war". Die Fritsch-Krise war aber kein Fall, auch keine Affäre, sie war der entscheidende Staatsstreich der Gestapo – die Vollendung der Machtergreifung der Nazis.

Die Vorgeschichte: Am 5. November 1937 hatte Hitler die sieben höchsten Generale in der Reichskanzlei versammelt, um ihnen zum erstenmal seine strategischen Pläne vorzutragen. Er erklärte ihnen, er habe die Absicht, die Tschechoslowakei und Österreich anzugreifen, um Lebensraum zu gewinnen. Die Anwesenden waren entgeistert. Reichskriegsminister von Blomberg, der Oberbefehlshaber des Heeres von Fritsch und auch Außenminister von Neurath, der als einziger Zivilist zugezogen war, erhoben, wie Hitlers Adjutant Hossbach schreibt, "in scharfer Form Einwände".

Generale mit politischen Bedenken wurden von Hitler verachtet. Und so lag es nahe, daß diejenigen, die Ambitionen auf die höchsten militärischen Positionen hatten – Göring und Himmler –, sich Gedanken darüber machten, wie man wohl die lästigen Mahner und altmodischen Warner loswerden könne.

Von Blomberg hatte zu jener Zeit eine Liaison mit einer – was nur die Gestapo wußte – zweifelhaften Dame. Göring förderte diese Beziehung, die schließlich am 12. Januar 1938 zur Eheschließung führte. Schon nach wenigen Tagen aber stellte sich heraus, daß die dem Generalfeldmarschall angetraute Eva Gruhn, deren Mutter einen Massagesalon in Neukölln führte, in fünf großstädtischen Sittenkarteien geführt wurde und wegen sittenwidriger Photos in Haft gewesen war. Der Skandal wurde zunächst vertuscht, aber es war abzusehen, daß dies nicht lange möglich sein würde. Der Rangordnung nach war der Oberbefehlshaber des Heeres, Werner von Fritsch, der aussichtsreichste Anwärter auf den Posten des Kriegsministers. Darum erinnerte Göring sich just in diesem Moment an eine alte Akte, die seit Jahren bei der Gestapo lag und in der von Fritsch der Homosexualität beschuldigt wurde.

Am 26. Januar, also vierzehn Tage nach der Hochzeit von Blombergs, wird von Fritsch in die Reichskanzlei beordert. Hitler verlange daß der Oberbefehlshaber seinen Abschied einreiche, dann könne er in allen Ehren entlassen werden. Von Fritsch läßt sich darauf nicht ein – er fordert eine richterliche Untersuchung, weil er meint, Hitler und Göring seien Opfer eines Irrtums geworden, den er aufklären müsse. Auch die übrigen Generale durchschauen das Spiel nicht und halten sich an die von Hitler verordnete Schweigepflicht, anstatt ihrem Zorn offen Ausdruck zu verleihen und das Offizierskorps hinter sich zu bringen. Es sind eben zwei ganz verschiedene Welten, die dort aufeinander stießen. Aber die Generale fordern wenigstens mit allem Nachdruck ein Kriegsgerichtsverfahren.

Himmler und Heydricn, die längst wissen, daß der Anklage eine Verwechslung zugrunde liegt, setzen alles daran, eben dieses Verfahren, das ja Licht in die dunklen Machenschaften hätte bringen können, zu verhindern. Langes Hin und Her, erbittertes Ringen hinter den Kulissen zwischen Gestapo und dem heimlichen Widerstand (Canaris, Oster, Gisevius, Nebe). Endlich, nach drei Wochen, spricht Hitler ein Machtwort: Die Verhandlung findet statt. Von Fritsch bekommt Gelegenheit zur Aussage. Auch der Belastungszeuge tritt auf. Es ist ein vierzehnmal wegen Erpressung und Diebstahls vorbestrafter Neunundzwanzigjähriger namens Otto Schmidt, den man aus dem Zuchthaus herbeigeschafft hat. Er wurde übrigens im Sommer 1942 im KZ Sachsenhausen liquidiert. Himmler schrieb damals zum Abschluß eines Berichts über Schmidt an Göring: "Ich bitte, sehr verehrter Herr Reichsmarschall, um Ihr Einverständnis, daß ich Schmidt dem Führer zur Genehmigung der Exekution vorschlage." Randbemerkung Görings: "Der sollte ja schön längst erschossen werden."