Von Benjamin Henrichs

Wie schön ist der Krieg? So schön vielleicht wie bei Robert Wilson: Da steht, vor einem morgendlich leuchtenden Horizont, eine Stadt von Zelten. Zwei Suchscheinwerfer kreisen über den Himmel, aus dem langsam, an Schnüren, Gewehre niedersinken. In jedem Zelt leuchtet eine Glühbirne auf, die Zelte werden durchsichtig. Soldaten bewegen sich, langsam, wie im Halbschlaf. Ein Lagerfeuer brennt, eine leise, schwebende Musik ertönt. Dämmerung an der Front, eine geisterhafte Ruhe. Plötzlich mischt sich ein alter Mann unter die Soldaten, ein Zivilist, vielleicht ein Clochard. Graziös tanzend und schwankend läuft er durch das fast stillstehende, bedrohlich schöne Bild – vielleicht ist er ein Botschafter des Friedens.

Eine winzige, grüne Hügellandschaft fährt auf die Bühne, sodann das winzige Modell einer großen Stadt, Berlin. In den Häusern leuchten die Fenster. Über der kleinen Stadt steht, riesenhaft und starr, auf seinen Stock gestützt, Friedrich der Große, die Schauspielerin Ingrid Andree. (So stand in Murnaus „Faust“-Film Mephistos Riesenschatten über der winzigen Stadt.) Und dann kommt der Tod herbei: immer neue Soldaten treten auf, es ist eine unendliche Prozession, sie schießen, stürzen zu Boden, sterben. Schön ist das Leuchtfeuer aus den Mündungen ihrer Gewehre, schön der Pulverdampf, der in dicken Schwaden über das Leichenfeld zieht – und am schönsten ist das blutrote Licht, in das Robert Wilson die Szene taucht. Auf dem Theater ist auch der Tod ein Fest.

Oder ist der Krieg so schön wie bei Ariane Mnouchkine? Ein Kostümfest geradezu: die Verschwörer in phantastischen Gewändern, schwarz, rot und golden, die Partei des Königs weiß, blau und silbern. Die Gesichter exotisch maskiert oder geschminkt, die Augendeckel blutrot bemalt, die Haare zu bizarren Zöpfen geflochten.

Der Kampf eine artistische Sensation, der Krieg ein Sport: Die Schauspieler fliegen durch die Luft wie Turner, sie tanzen und kreiseln wie Eiskunstläufer, sie fallen und stürzen wie zierliche Boxer. Der Tod im Krieg mag bitter sein, blutig und banal – bei Ariane Mnouchkine wie bei Robert Wilson ist er auch ein Triumph des Theaters über die Schwerkraft. Ein ästhetisches Großereignis. Ein Fest und deshalb: eine Provokation.

Denn natürlich ist so etwas wie ein moralischer Protest möglich gegen die kostbaren Bilder, die phantastischen Choreographien, in die Wilson und Ariane Mnouchkine das entsetzliche Ereignis Krieg verwandeln. Doch was anderes als ein Schauspiel kann der Krieg auf der Schauspielbühne sein?

In Deutschland, wo man es, auch aus schlechtem Gewissen, mit der Moral auf dem Theater genauer nimmt, wo „ästhetisch“ und „schön“ deshalb auch gern als Schimpfwörter benutzt werden, haben viele Regisseure einen Ausweg aus dem Dilemma gesucht. Sie versuchen, die Greuel des Krieges durch die Greuel des Theaters womöglich noch zu übertrumpfen. Das Theater darf kein Fest, höchstens ein Schlachtfest sein. In den Qualen, die er erleidet, soll der Zuschauer die Qualen der Gefolterten und Gemordeten wenigstens gleichnishaft miterleben. Doch zweifelhaft ist, ob dies Theater der Schocks und Martern außer Übelkeit so etwas bringt wie Erkenntnis. Und zweifelhaft, ob es wirklich Aufgabe der Regisseure ist, sich zu Spezialisten des Folter- und Metzgerhandwerks auszubilden. Denn auf dem Theater ist auch der häßliche Krieg kein Krieg, sondern Theater. Und häßliches Theater schafft keinen Frieden, sondern Haß.