Warum hohe Arbeitslosigkeit keine Revolution bewirkt

Von Ralf Dahrendorf

Daß es Analphabeten gibt in Deutschland, und zwar nicht nur ein paar Zurückgebliebene, hoffnungslose Fälle, sondern daß fünf Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, das nehmen die meisten nur kopfschüttelnd zur Kenntnis. Ein schlechter Aprilscherz? Nein, mitten im Hochsommer stand es in der Zeitung, in der Saure-Gurken-Zeit zwar – es gibt Wichtigeres, und die Meldung konnte warten

aber doch an einem ganz normalen Tag. Das müssen Ausländer sein, nicht wahr? Nein, Ausländer sind es eben nicht, sondern Deutsche wie du und ich, inmitten des Volkes der Dichter und Denker. Übrigens ist fünf Prozent eine sehr vorsichtige Schätzung. Denkt man an die funktionalen Analphabeten, an die also, die nicht einmal die Bild-Zeitung lesen, mit Mühe ihre Unterschrift kritzeln können und sich im übrigen ganz und gar an flimmernde Bilder und Disco-Gedröhn halten, dann ist man bald bei fünfzehn Prozent. Die große Woge der Aufklärung hat unverhofft rasch begonnen zurückzuschwappen; längst schon hat die Abklärung angefangen.

Das ist nicht nur an Wort und Schrift abzulesen. Auch die Arbeit gehörte ja mitten hinein in die Quellen der modernen Welt. Daß die "protestantische Ethik" keineswegs ihre einzige Motivkraft war, hat schon R. H. Tawney gezeigt. Das um den Beruf konstruierte Leben ist das eigentlich moderne Leben. (Vorher blieben Arbeit und andere Lebensformen weitgehend ungetrennt, wie sie es heute noch bei Landwirten oder Handwerkern in kleinen Orten, auch wohl bei denen, die Bücher schreiben, sind.) Nur ist im Verlauf der modernen Jahrhunderte der Beruf auf Kosten aller anderen Bereiche – Bildung, Freizeit, Alter – geschrumpft. Immer weniger Zeit wird am Arbeitsplatz verbracht. Am Ende ist es für viele wie bei jenem Spiel, bei dem ein Pfennig durch einen Schlitz auf einen Berg von Pfennigen fällt, die auf einer Scheibe liegen. Manche sind dort noch fest verankert, andere sind schon an den Rand gerutscht, ja über den Rand, gehalten nur noch von denen in ähnlich prekärer Lage. Trifft der neue Pfennig richtig, denn fallen ein paar, eine ganze Handvoll von der Scheibe. Beim Pfennig-Spiel bedeutet das Gewinn, jedenfalls für den Spieler; bei der Arbeit ist es Niederlage, Ausmusterung sozusagen.

Ein paar Clochards, Stadt- und Landstreicher hat es immer gegeben; in großen Städten und freien Ländern wird das auch so bleiben. Hier kann einer nicht von der Flasche lassen, dort will einer keinerlei Zwang und Ordnung ertragen, mal hat einer zuviel Pech gehabt, um noch weiter zu kämpfen, Pech bei Frauen, bei "Arbeitgebern", bei Kollegen, mal ist einer krank geworden und hat dann nicht zurückgefunden: So entsteht jener "Bodensatz" der Gesellschaft, mit dem man sich abgefunden hat. Aber heute geschieht etwas ganz anderes. Heute reden wir nicht von ein paar Hundert, allenfalls ein paar Tausend in Paris und London und den stadtbekannten zwei, drei in deutschen Städten, sondern möglicherweise von Millionen.

Die Entwicklung der Arbeit selbst hat ja einen Doppeleffekt. Es stimmt schon, daß Technisierung unter anderem zur Höherqualifizierung von Arbeitsplätzen führt. Aber das läßt nicht nur weniger Arbeitsplätze übrig als vorher, vor allem bleiben diejenigen auf der Strecke, denen die höhere Qualifikation aus Mangel an Gelegenheit oder auch an Talent abgeht. Das sind viele; es werden immer mehr. Von Angelernten der mechanisierten Industrie werden sie in der elektronischen Industrie wieder zu Ungelernten, zu Hilfsarbeitern, bald zu Gelegeheitsarbeitern, zu gelegentlich Arbeitslosen, zu Dauerarbeitslosen. Da die offizielle Gesellschaft noch immer so tut, als werde das Leben durch Arbeit und Beruf bestimmt – vom Rentenanspruch bis zum Sozialprestige, vom Bildungsangebot bis zum Selbstgefühl – fällt der in dieser Weise um seine Arbeit Gebrachte durch alle Netze, jedenfalls nach unten.