Die neue Unterklasse – Seite 1

Warum hohe Arbeitslosigkeit keine Revolution bewirkt

Von Ralf Dahrendorf

Daß es Analphabeten gibt in Deutschland, und zwar nicht nur ein paar Zurückgebliebene, hoffnungslose Fälle, sondern daß fünf Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, das nehmen die meisten nur kopfschüttelnd zur Kenntnis. Ein schlechter Aprilscherz? Nein, mitten im Hochsommer stand es in der Zeitung, in der Saure-Gurken-Zeit zwar – es gibt Wichtigeres, und die Meldung konnte warten

aber doch an einem ganz normalen Tag. Das müssen Ausländer sein, nicht wahr? Nein, Ausländer sind es eben nicht, sondern Deutsche wie du und ich, inmitten des Volkes der Dichter und Denker. Übrigens ist fünf Prozent eine sehr vorsichtige Schätzung. Denkt man an die funktionalen Analphabeten, an die also, die nicht einmal die Bild-Zeitung lesen, mit Mühe ihre Unterschrift kritzeln können und sich im übrigen ganz und gar an flimmernde Bilder und Disco-Gedröhn halten, dann ist man bald bei fünfzehn Prozent. Die große Woge der Aufklärung hat unverhofft rasch begonnen zurückzuschwappen; längst schon hat die Abklärung angefangen.

Das ist nicht nur an Wort und Schrift abzulesen. Auch die Arbeit gehörte ja mitten hinein in die Quellen der modernen Welt. Daß die "protestantische Ethik" keineswegs ihre einzige Motivkraft war, hat schon R. H. Tawney gezeigt. Das um den Beruf konstruierte Leben ist das eigentlich moderne Leben. (Vorher blieben Arbeit und andere Lebensformen weitgehend ungetrennt, wie sie es heute noch bei Landwirten oder Handwerkern in kleinen Orten, auch wohl bei denen, die Bücher schreiben, sind.) Nur ist im Verlauf der modernen Jahrhunderte der Beruf auf Kosten aller anderen Bereiche – Bildung, Freizeit, Alter – geschrumpft. Immer weniger Zeit wird am Arbeitsplatz verbracht. Am Ende ist es für viele wie bei jenem Spiel, bei dem ein Pfennig durch einen Schlitz auf einen Berg von Pfennigen fällt, die auf einer Scheibe liegen. Manche sind dort noch fest verankert, andere sind schon an den Rand gerutscht, ja über den Rand, gehalten nur noch von denen in ähnlich prekärer Lage. Trifft der neue Pfennig richtig, denn fallen ein paar, eine ganze Handvoll von der Scheibe. Beim Pfennig-Spiel bedeutet das Gewinn, jedenfalls für den Spieler; bei der Arbeit ist es Niederlage, Ausmusterung sozusagen.

Ein paar Clochards, Stadt- und Landstreicher hat es immer gegeben; in großen Städten und freien Ländern wird das auch so bleiben. Hier kann einer nicht von der Flasche lassen, dort will einer keinerlei Zwang und Ordnung ertragen, mal hat einer zuviel Pech gehabt, um noch weiter zu kämpfen, Pech bei Frauen, bei "Arbeitgebern", bei Kollegen, mal ist einer krank geworden und hat dann nicht zurückgefunden: So entsteht jener "Bodensatz" der Gesellschaft, mit dem man sich abgefunden hat. Aber heute geschieht etwas ganz anderes. Heute reden wir nicht von ein paar Hundert, allenfalls ein paar Tausend in Paris und London und den stadtbekannten zwei, drei in deutschen Städten, sondern möglicherweise von Millionen.

Die Entwicklung der Arbeit selbst hat ja einen Doppeleffekt. Es stimmt schon, daß Technisierung unter anderem zur Höherqualifizierung von Arbeitsplätzen führt. Aber das läßt nicht nur weniger Arbeitsplätze übrig als vorher, vor allem bleiben diejenigen auf der Strecke, denen die höhere Qualifikation aus Mangel an Gelegenheit oder auch an Talent abgeht. Das sind viele; es werden immer mehr. Von Angelernten der mechanisierten Industrie werden sie in der elektronischen Industrie wieder zu Ungelernten, zu Hilfsarbeitern, bald zu Gelegeheitsarbeitern, zu gelegentlich Arbeitslosen, zu Dauerarbeitslosen. Da die offizielle Gesellschaft noch immer so tut, als werde das Leben durch Arbeit und Beruf bestimmt – vom Rentenanspruch bis zum Sozialprestige, vom Bildungsangebot bis zum Selbstgefühl – fällt der in dieser Weise um seine Arbeit Gebrachte durch alle Netze, jedenfalls nach unten.

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Andere Sozialentwicklungen ergänzen noch das Bild. Da ist einmal das Bröckeln des Gesellschaftsvertrages und damit vor allem der alten Bindungen, die Menschen halten. Sie halten heute nicht mehr. Wer heute fällt, fällt nicht in die Arme seiner Familie, die helfenden Hände seiner Gemeinde, seiner Kirche, sondern quer durch alle hindurch ins Leere. Das ist gewiß eine Übertreibung. Aber das brutale Bild beschreibt doch, was zunehmend für diejenigen gilt, die vor allem Hilfe brauchen.

Noch schwerer wiegt, daß viele gar nicht erst steigen, bevor sie fallen. Moderne Gesellschaften haben zuerst jenen Lebensraum enorm ausgeweitet, den wir "Jugend" nennen. Dreizehnjährige sind schon aktive Bandenkriminelle, und Sechsundzwanzigjährige sind noch Studenten. Beide leben aber in einem eigentümlichen Freiraum. Man gehört früher schon in einem Undefinierten Sinne dazu, und man hat später noch eine Entschuldigung dafür, daß man nicht ganz dabei ist, aber wir haben es schlicht vergessen, diesen großen Raum zu möblieren, ihm eine Struktur zu geben. Jugend ist eher ein ausgesparter als ein heimischer Raum. Wer in ihn eintritt, weiß im Grunde nicht, wohin.

Das ist in Ländern ohne systematische Lehrverhältnisse, ohne Berufsschulen und ohne Wehrpflicht (wie England) noch ausgeprägter als in Deutschland; doch ist es hier schlimm genug. Junge Menschen, ortlos und unerwünscht, hängen herum und beginnen, ihre eigene Kultur zu entwickeln. Oft genug – wen kann es wundern? – ist das eine Gegenkultur. Auch die Jugend fällt durch das Netz einer Gesellschaft, deren Normalbereich eng geworden ist, begrenzt auf die Minderheit "in Arbeit und Brot", und diejenigen, die bereit sind, ihre Werte an sie anzuhängen, Rentner, vorfeministische Hausfrauen.

Hier erst wird dann die Frage der Ausländer wichtig. Eigentümlicherweise haben viele moderne Gesellschaften in dem Augenblick angefangen, in großem Umfange Ausländer zu importieren und zugleich Ausländerrechte zu entwickeln, in dem sie nicht mehr stark genug sind, Fremde entweder zu integrieren oder ihnen eine klare Sonderstellung zu geben. Noch das Getto, geschweige denn das Stetl, wer da besser. Heute leben Zuwanderer, Asylanten, Gastarbeiter und verwandte Gruppen in einem ungesicherten sozialen Zwischen-Raum mit Ansprüchen, die nicht befriedigt werden, als ungewollte und doch unabwerfbare Last für die anderen, die nicht mehr so recht wissen, wie man sich heimisch fühlt, ohne alle unbestimmte Angst den Fremden aufzuladen. Die Ausländer sind, versteht sich, an allem Schuld.

Solche Entwicklungen haben eine fatale Tendenz, sich zu überlagern: Junge Farbige in England, die früh schon straffällig geworden sind, sind mit einiger Sicherheit auch Analphabeten. Es hält sie ohnehin niemand; sie sind die bevorzugten Kandidaten für Brutalitäten der Polizei. Da sie keinen Anwalt haben, antworten sie in gleicher Münze. An "geregelte Arbeit" haben sie schon nach den ersten vergeblichen Versuchen nicht mehr gedacht. Es müssen sich nicht alle Faktoren überlagern. Dauerarbeitslose in den städtischen Armenvierteln, "Arbeitsscheue", aus dem einen oder anderen Grunde heruntergekommene unvollständige Familien, und eben immer wieder die, die vielleicht ohne besondere Energie versucht haben, ihren Platz auf der Pfennigscheibe zu halten, oder die schon zwei-, dreimal herabgefallen sind, ohne viel eigenes Zutun – das summiert sich zu einer beträchtlichen sozialen Kategorie. Zehn Prozent? Fünfzehn Prozent? In den Vereinigten Staaten spricht man von der underdass und kann es nicht fassen, daß sie, in der reichsten Gesellschaft der Welt, ständig wächst.

In gewisser Weise erzählt das Bildungswesen die ganze traurige Geschichte. Als wir anfingen, Chancengleichheit zu fordern, war damit eben nicht die Gleichheit der Resultate, sondern die Öffnung der Arterien nach oben gemeint. Chancengleichheit hieß Gleichheit der Aufstiegschancen; es lag in der Natur der Forderung, daß der Anteil jedes Jahrganges, der auf Gymnasium, Hochschule und Universität ging, wachsen würde und wachsen sollte. Noch die Gesamtschule (jedenfalls die "differenzierte Gesamtschule") war als Sortierschule gedacht, wenn sie auch am Ende entweder den Ideologen einer Gleichheit der Resultate das Tor öffnete oder zur Residualschule wurde.

Zur Residualschule wurde zumal die Realschule und vor allem die Hauptschule. Es gibt zu viele Unterschiede von Ort zu Ort und auch innerhalb von Orten, um unbefangen zu verallgemeinern; aber in gewisser Weise ist die Hauptschule zum Schicksal der underclass geworden, wenn deren Mitglieder überhaupt zur Schule gehen, (In Teilen Londons und New Yorks ist die Schulpflicht längst zur leeren Phrase geworden.) Das Schulwesen spiegelt also den Einschnitt zwischen denen, die wenigstens einen Fuß auf der Leiter haben und denen, für die auch die unterste Sprosse unerreichbar ist. Das werden mehr.

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Underclass ist dennoch ein irreführender Ausdruck; denn eine Klasse sind sie eben nicht. Es gibt keine Solidarität der underclass, weil es keinen einzigen systematischen Grund dafür gibt, daß einer in sie fällt. Es gibt viele Gründe, und trotz solcher systematischer Kategorien wie Arbeitslosigkeit, Jugend, Fremde werden sie von der Gesellschaft, und oft auch von den Betroffenen, als individuelles Schicksal gesehen. Nicht alle Arbeitslosen bleiben arbeitslos, nicht alle Jugendlichen fallen in ein soziales Loch, nicht alle Gastarbeiter sind unwillkommen. Die Kategorien bestimmen nur eine Möglichkeit, eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Im tatsächlichen Schicksal liegt ein Element der Vereinzelung, des Besonderen. Um sich aus der underclass wieder herauszurappeln, wenn man das denn will, ist daher auch nicht kollektives Handeln nötig, sondern individuelle Anstrengung. Die Mitglieder der underdass sind also gerade nicht in einer gemeinsamen Klassenlage, sondern in einer vielfach gleichartigen individuellen, ja persönlichen Lage.

Das gilt übrigens, was oft übersehen wird, auch für die Arbeitslosen, In der Arbeitsgesellschaft sind sie individuelle Versager. Auch wenn fünfzehn Prozent arbeitslos werden, bleiben doch 85 Prozent in Arbeit; das Element des persönlichen Versagens mag objektiv abwegig sein, aber von Einzelnen wird es so empfunden. Diejenigen, die ihre Arbeit verlieren, beklagen das Unglück, daß gerade ihre Firma daran glauben mußte, daß gerade sie die "falschen" Fertigkeiten gelernt haben, daß sie nicht in der Lage sind, ihren Freunden an ferne Orte zu folgen. Selbst wenn sie auf die Technik schimpfen, erscheint diese doch als eine Art Naturkatastrophe. Schließlich gibt es andere, die trotz Technik ihren Weg machen, alte Bekannte, die jetzt mehr verdienen und weniger arbeiten. Man hat den Omnibus verpaßt.

Das massenhaft individuelle Schicksal der Arbeitslosen ist auch der Grund dafür, daß hohe Arbeitslosigkeit eben keine Revolution bewirkt. Es ist – so zögernd man es sagt – schlicht nicht wahr, daß wachsende Arbeitslosigkeit die politische Ordnung bedroht. Jedenfalls ist das nicht so einfach wahr. Arbeitslose wählen alle möglichen Parteien, nicht ganz im Verhältnis zu deren Stärke, aber immerhin geben viele ihre Stimme den Konservativen. Arbeitslose wollen Recht und Ordnung und natürlich den wirtschaftlichen Aufschwung.

Die Arbeitslosigkeit ist politisch, wie James Alt es auf Grund von Meinungsforschungsdaten plausibel, wenn auch vielleicht etwas unglücklich formuliert, ein "altruistisches Problem". Es beunruhigt die Nicht-Arbeitslosen ebenso sehr wie die Arbeitslosen, wenn nicht mehr. Arbeitslose sehen ihre Lage als Schicksalsschlag. Die Verfechter der Arbeitswelt aber sind beunruhigt darüber, daß es so viele Arbeitslose gibt. Das paßt nicht in ihre geordnete soziale Landschaft. Derlei Motive stecken noch hinter den lautstarken Klagen der Gewerkschaften über die Arbeitslosigkeit; denn blickt man auf deren Handeln, dann führt dieses eher zur Vergrößerung als zur Verringerung des Problems. Gewerkschaften sind nun einmal Organisationen der Beschäftigten. Es ist also eher die bürgerliche Sorge um die unordentliche Welt, die in der öffentlichen Diskussion heraufkommt, als irgendeine Solidarität der Auch- oder Vielleicht-Betroffenen. Die meisten Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit bleiben ohnehin wirkungslos.

Die Unterscheidung, die solchen zynisch klingenden, wenn auch nicht so gemeinten Erwägungen zugrundeliegt, ist von kardinaler Bedeutung für das Verständnis sozialer Prozesse. Solidarisches Handeln hat zwei Bedingungen: Die Lage, in der Menschen sich finden, muß als systematisch verursacht gelten und empfunden werden können, und es muß ein Funke der Hoffnung da sein, daß sie sich durch gemeinsames Handeln ändern läßt. Im Extremfall heißt das, daß eine revolutionäre Situation da sein muß, in der kollektive Solidaritäten praktischen Ausdruck finden, und die Chance des Erfolges, die das Pulverfaß zur Explosion bringt. Bei den Arbeitslosen, ja der underclass überhaupt, fehlt nicht nur diese Chance, also die Hoffnung, durch kollektives Handeln irgend etwas zu erreichen, sondern schon das Bewußtsein der systematischen Verursachung der Situation. Nicht kollektive Solidarität ist daher wahrscheinlich, sondern allenfalls individuelle Konkurrenz, der Versuch von Einzelnen, sich aus der Malaise zu befreien, wenn nicht eine Lethargie, die auch den Einzelnen am Ende ergreift.

Alles Geschrei der Parteien und Organisationen, ja noch die gelegentliche Bildung von "Arbeitslosen-Gewerkschaften" (in England in den 30er Jahren) oder anderen Organisationen der underclass, ändert nichts an diesem fundamentalen Sachverhalt. Die underclass ist kein Proletariat, sondern im strengen Sinn des Marxschen Begriffes ein Lumpenproletariat. "Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen."

Auch ohne Geschichtsphilosophie ("proletarische Revolution", "alte Gesellschaft") bleibt die wichtige Beobachtung: Das Lumpenproletariat ist vielleicht die passive Verfaulung der Gesellschaft, Ausdruck ihrer äußersten Schwächen, nachdenklich stimmendes Geschwür am body politic; aber es bestimmt nicht, wohin die Reise geht. Es läßt sich zuweilen mobilisieren, ist eine Reservearmee von Demonstrationen und Bewegungen, hat keine sonderliche Angst vor der Gewalt – es schuldet der Gesellschaft nichts –, aber es bewegt nichts. Das Lumpenproletariat ist immer nur Symptom, nicht Produktivkraft. Es stört das Auge, nicht die obwaltenden Herrschaftsverhältnisse. Für die Bourgeoisie ist es letzten Endes ein ästhetisches Problem, auch wenn diese es manchmal mit der Angst kriegt.

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Übrigens ist die Angst nicht ganz unberechtigt. Zweifellos verändert ein wachsendes Lumpenproletariat die Stimmung in einer Gesellschaft. Zum Unterschied vom Proletariat ist das Lumpenproletariat durchaus sichtbar. Da gibt es kein schamhaftes Verstecken von Armut. Clochards schlafen unter Brücken, Bettler sitzen an den großen Avenuen; die underclass besetzt Häuser, fängt Schlägereien an bei Fußballspielen (Fußball wird zum Sport der underclass und verliert daher seinen bürgerlichen appeal), zieht grölend durch die Nacht. Auch ist die underclass teuer, vor allem in europäischen Ländern, die sich hoffnungslos in ihrem sozialen Netz verheddert haben. Die underclass ist also durchaus lästig. Auch wenn sie keine Revolutionen anzetteln kann, läßt sie sich nicht einfach ignorieren.

Das gilt schon darum, weil sie ein besonders intimes Verhältnis zum Verbrechen hat. Dabei ist das große Verbrechen so selten wie der Hauptgewinn der Lotterie. Es geht mehr um die weggerissene Handtasche, das in den Ferien ausgeraubte Haus, den "kleinen" Überfall auf eine Sparkasse. Hier wird dann auch die massive politische Wirkung der neuen Unterklasse erkennbar: Weil man sie nicht mag, weil sie die eigenen Kreise stört, müssen "Maßnahmen" her, ein Reichsarbeitsdienst, Arbeitslager vielleicht, Stacheldraht und Mauer. Rechter und linker Faschismus reichen sich hier unbesorgt die Hand; beide sind Antworten der petite bourgeoisie, ja eigentlich der petty bourgeoisie, des kleinen, kleinkarierten, engdenkenden, fundamental-illiberalen Besitzertums, das es nicht ertragen kann, mit ein bißchen Unordnung zu leben. So schafft die underclass zuerst den Altruismus der bürgerlichen Politik, und am Ende aus lauter Altruismus die Abschaffung der Freiheit. (Dabei schließt "bürgerlich" selbstverständlich die Funktionäre der "Arbeiterbewegung" ein, von denen der "Neuen Heimat" und der "Bank für Gemeinwirtschaft" ganz zu schweigen.)

was also tun? In den Vereinigten Staaten bemüht sich unter anderen die Ford Foundation, mit an die Poor Laws des 19. Jahrhunderts erinnernder Rührigkeit, die neue underclass wenigstens anzukratzen: Hier ein Programm für schwangere Teenager, dort eines für geschiedene dominikanische Einwandererfrauen mit Kindern, hier ein Versuch der Alphabetisierung, dort einer der Bildung neuer Gemeinschaften, hier eine auf die underclass zielende städtebauliche Innovation, dort ein Ansatz zur gutmütigen Selbsthilfe gegen Kriminalität. Das altes ist wahrscheinlich erfolgreicher als staatliche Programme es je sein werden, aber es berührt das Phänomen nur ganz am Rande. Fast möchte man sagen, für jeden, dem geholfen wird, kommen zwei neue hinzu, wenn nicht solche Melancholie den Grundsatz außer Acht ließe, daß es immer besser ist, eine kleine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.

Ohnehin gehört es zur These vom nicht-revolutionären Charakter des Lumpenproletariats, daß eben diese Gruppe legitimes Objekt der Wohlfahrt ist, also der paternalistisch eingefärbten Fürsorge. Sie wird sich ihre Rechte nicht erkämpfen, sondern nur erschleichen. Für sie ist die warme Wolldecke, das freie Essen, die milde Gabe ebenso notwendig wie der Natur der Sache nach wirkungslos. Man hält Menschen am Leben, aber eben an einem Leben, das, auch wenn es mehr ist als physisches Vegetieren, ortlos und richtungslos bleibt. Fürsorge verändert nicht, und Veränderung ist nicht das Thema der underclass.

Vielleicht sollte die andere Seite des Bildes noch stärkere Konturen erhalten. Wenn eine Klasse durch gemeinsame Verursachung – durch die Privilegien des Adels, durch die institutionalisierte Vormacht der rassischen Zugehörigkeit, durch die parteigetragene Funktionsherrschaft der nomenklatura – ihre Lage erduldet, aber in sich die Kraft hat, die Strukturen ins Wanken zu bringen, die für ihre Lage verantwortlich sind, dann hilft Fürsorge nicht. Sie ist dann ein Pflästerchen, das das Potential der Unterdrückten stärkt und den Augenblik der revolutionären Explosion noch schneller herankommen läßt. Man sieht den Führern solcher Klassen an, daß sie auf den Wellen der Zukunft reiten. Eben das aber tut die underclass nicht. Für ihre Mitglieder ist Fürsorge schon das letzte Wort.

In Europa sind das "Fälle" für die Sozialhilfe. Die Arbeitenden, die sich doch so nach Recht und Ordnung sehnen, perpetuieren die underclass, die eben diese gefährdet. Das ist nur eine der vielen Paradoxien, die die Verfinsterung der Modernität uns beschert. Hier wird auch nicht für die Abschaffung der Sozialhilfe plädiert. Hier wird überhaupt nicht plädiert – vielleicht zum Ärger manches Lesers –, sondern nur festgestellt. Denn genaugenommen wissen wir nicht, was wir mit dieser neuen Sozialkategorie machen sollen. Wir verstehen sie noch nicht einmal. Der Weg zu ihrer Reduzierung, von Beseitigung ganz zu schweigen, ist noch weit. Wir werden weiter an Symptomen kurieren und dadurch die Dinge verschlimmern. Am Ende werden wir einen hohen Preis zahlen.

Es wird also mehr Arbeitslose geben. Junge Menschen werden sich auch weiterhin nicht zuhause fühlen in unserer Gesellschaft. Fremdarbeiter werden die Ausgestoßenen bleiben, die sie heute sind. Die Kriminalität wird wachsen. Manche werden empfehlen, die alten Rezepte noch entschiedener anzuwenden, also mehr Chancengleichheit zu suchen, junge Menschen noch nachsichtiger zu behandeln, jeden hereinzulassen, ob er anklopft oder nicht; andere werden das Gegenteil praktizieren, bevor sie es empfehlen. In einem tieferen Sinn werden beide scheitern.

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Ist das wirklich alles? Blickt man auf die Geschichte, sei es auch nur die der letzten zwei Jahrhunderte, dann zeigt sich, daß das Lumpenproletariat mal wächst und mal schrumpft. In den Anfängen der Industrialisierung war es riesig, vor allem in England. Da wurde die alte Beggar’s Opera zur Dreigroschenoper für viele. Sie kamen vom Land, aus einem noch unzerstückelten Leben. Die Arbeitsteilung mußten sie noch lernen, so wie die arbeitsgeteilte Welt sich daran gewöhnen mußte, sie aufzusaugen. Das geschah. Es entstand die industrielle Gesellschaft. Ob das auch für die längst aus allen Säumen geplatzten Mammutstädte Lateinamerikas gilt, mag man bezweifeln. Da harren vielleicht andere, politischere Prozesse. Doch zeigt sich überall, daß das Lumpenproletariat nicht über eine gewisse Grenze wächst, und daß es auch wieder schrumpft.

Falsche Beruhigung ist da allerdings fehl am Platze. Das Lumpenproletariat ist immer ein Zeichen. Ist es schon kein Signal für die bevorstehende Revolution, dann verrät es doch, daß eine verharzte, enge, zukunftslose Normalität die Mehrheit bestimmt. Die um Arbeit zentrierte Gesellschaft ist tot, aber wir wissen nicht, wie wir sie begraben sollen. Auch die hinter der Chancengleichheit verstohlen hervorblickende Annahme der Leistungs- und Aufstiegssehnsucht ist kaum noch aufrechtzuerhalten; nur fällt uns nichts ein, das an ihre Stelle treten könnte.

Der Gesellschaftsvertrag selbst gerät ins Wanken, aber die an ihm vor allem Interessierten halten die Reihen fest geschlossen. Über der Legitimität ihrer Herrschaft hängen Fragezeichen; nur gibt es noch niemanden, der ihnen ihre Stellung ernsthaft und mit Erfolgschancen streitig macht. Irgendwann wird in diesem Klima des Zweifels und der Ratlosigkeit etwas Neues entstehen, eine Produktivkraft gar. Auch wenn das geschieht, wird indes das Lumpenproletariat, die underclass, allenfalls kontingent gewesen sein, anwesend bei der Geburt, doch weder Vater noch Pate, ein lästiger, doch unabweisbarer Gast im Gang der Dinge.