Andere Sozialentwicklungen ergänzen noch das Bild. Da ist einmal das Bröckeln des Gesellschaftsvertrages und damit vor allem der alten Bindungen, die Menschen halten. Sie halten heute nicht mehr. Wer heute fällt, fällt nicht in die Arme seiner Familie, die helfenden Hände seiner Gemeinde, seiner Kirche, sondern quer durch alle hindurch ins Leere. Das ist gewiß eine Übertreibung. Aber das brutale Bild beschreibt doch, was zunehmend für diejenigen gilt, die vor allem Hilfe brauchen.

Noch schwerer wiegt, daß viele gar nicht erst steigen, bevor sie fallen. Moderne Gesellschaften haben zuerst jenen Lebensraum enorm ausgeweitet, den wir "Jugend" nennen. Dreizehnjährige sind schon aktive Bandenkriminelle, und Sechsundzwanzigjährige sind noch Studenten. Beide leben aber in einem eigentümlichen Freiraum. Man gehört früher schon in einem Undefinierten Sinne dazu, und man hat später noch eine Entschuldigung dafür, daß man nicht ganz dabei ist, aber wir haben es schlicht vergessen, diesen großen Raum zu möblieren, ihm eine Struktur zu geben. Jugend ist eher ein ausgesparter als ein heimischer Raum. Wer in ihn eintritt, weiß im Grunde nicht, wohin.

Das ist in Ländern ohne systematische Lehrverhältnisse, ohne Berufsschulen und ohne Wehrpflicht (wie England) noch ausgeprägter als in Deutschland; doch ist es hier schlimm genug. Junge Menschen, ortlos und unerwünscht, hängen herum und beginnen, ihre eigene Kultur zu entwickeln. Oft genug – wen kann es wundern? – ist das eine Gegenkultur. Auch die Jugend fällt durch das Netz einer Gesellschaft, deren Normalbereich eng geworden ist, begrenzt auf die Minderheit "in Arbeit und Brot", und diejenigen, die bereit sind, ihre Werte an sie anzuhängen, Rentner, vorfeministische Hausfrauen.

Hier erst wird dann die Frage der Ausländer wichtig. Eigentümlicherweise haben viele moderne Gesellschaften in dem Augenblick angefangen, in großem Umfange Ausländer zu importieren und zugleich Ausländerrechte zu entwickeln, in dem sie nicht mehr stark genug sind, Fremde entweder zu integrieren oder ihnen eine klare Sonderstellung zu geben. Noch das Getto, geschweige denn das Stetl, wer da besser. Heute leben Zuwanderer, Asylanten, Gastarbeiter und verwandte Gruppen in einem ungesicherten sozialen Zwischen-Raum mit Ansprüchen, die nicht befriedigt werden, als ungewollte und doch unabwerfbare Last für die anderen, die nicht mehr so recht wissen, wie man sich heimisch fühlt, ohne alle unbestimmte Angst den Fremden aufzuladen. Die Ausländer sind, versteht sich, an allem Schuld.

Solche Entwicklungen haben eine fatale Tendenz, sich zu überlagern: Junge Farbige in England, die früh schon straffällig geworden sind, sind mit einiger Sicherheit auch Analphabeten. Es hält sie ohnehin niemand; sie sind die bevorzugten Kandidaten für Brutalitäten der Polizei. Da sie keinen Anwalt haben, antworten sie in gleicher Münze. An "geregelte Arbeit" haben sie schon nach den ersten vergeblichen Versuchen nicht mehr gedacht. Es müssen sich nicht alle Faktoren überlagern. Dauerarbeitslose in den städtischen Armenvierteln, "Arbeitsscheue", aus dem einen oder anderen Grunde heruntergekommene unvollständige Familien, und eben immer wieder die, die vielleicht ohne besondere Energie versucht haben, ihren Platz auf der Pfennigscheibe zu halten, oder die schon zwei-, dreimal herabgefallen sind, ohne viel eigenes Zutun – das summiert sich zu einer beträchtlichen sozialen Kategorie. Zehn Prozent? Fünfzehn Prozent? In den Vereinigten Staaten spricht man von der underdass und kann es nicht fassen, daß sie, in der reichsten Gesellschaft der Welt, ständig wächst.

In gewisser Weise erzählt das Bildungswesen die ganze traurige Geschichte. Als wir anfingen, Chancengleichheit zu fordern, war damit eben nicht die Gleichheit der Resultate, sondern die Öffnung der Arterien nach oben gemeint. Chancengleichheit hieß Gleichheit der Aufstiegschancen; es lag in der Natur der Forderung, daß der Anteil jedes Jahrganges, der auf Gymnasium, Hochschule und Universität ging, wachsen würde und wachsen sollte. Noch die Gesamtschule (jedenfalls die "differenzierte Gesamtschule") war als Sortierschule gedacht, wenn sie auch am Ende entweder den Ideologen einer Gleichheit der Resultate das Tor öffnete oder zur Residualschule wurde.

Zur Residualschule wurde zumal die Realschule und vor allem die Hauptschule. Es gibt zu viele Unterschiede von Ort zu Ort und auch innerhalb von Orten, um unbefangen zu verallgemeinern; aber in gewisser Weise ist die Hauptschule zum Schicksal der underclass geworden, wenn deren Mitglieder überhaupt zur Schule gehen, (In Teilen Londons und New Yorks ist die Schulpflicht längst zur leeren Phrase geworden.) Das Schulwesen spiegelt also den Einschnitt zwischen denen, die wenigstens einen Fuß auf der Leiter haben und denen, für die auch die unterste Sprosse unerreichbar ist. Das werden mehr.