Underclass ist dennoch ein irreführender Ausdruck; denn eine Klasse sind sie eben nicht. Es gibt keine Solidarität der underclass, weil es keinen einzigen systematischen Grund dafür gibt, daß einer in sie fällt. Es gibt viele Gründe, und trotz solcher systematischer Kategorien wie Arbeitslosigkeit, Jugend, Fremde werden sie von der Gesellschaft, und oft auch von den Betroffenen, als individuelles Schicksal gesehen. Nicht alle Arbeitslosen bleiben arbeitslos, nicht alle Jugendlichen fallen in ein soziales Loch, nicht alle Gastarbeiter sind unwillkommen. Die Kategorien bestimmen nur eine Möglichkeit, eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Im tatsächlichen Schicksal liegt ein Element der Vereinzelung, des Besonderen. Um sich aus der underclass wieder herauszurappeln, wenn man das denn will, ist daher auch nicht kollektives Handeln nötig, sondern individuelle Anstrengung. Die Mitglieder der underdass sind also gerade nicht in einer gemeinsamen Klassenlage, sondern in einer vielfach gleichartigen individuellen, ja persönlichen Lage.

Das gilt übrigens, was oft übersehen wird, auch für die Arbeitslosen, In der Arbeitsgesellschaft sind sie individuelle Versager. Auch wenn fünfzehn Prozent arbeitslos werden, bleiben doch 85 Prozent in Arbeit; das Element des persönlichen Versagens mag objektiv abwegig sein, aber von Einzelnen wird es so empfunden. Diejenigen, die ihre Arbeit verlieren, beklagen das Unglück, daß gerade ihre Firma daran glauben mußte, daß gerade sie die "falschen" Fertigkeiten gelernt haben, daß sie nicht in der Lage sind, ihren Freunden an ferne Orte zu folgen. Selbst wenn sie auf die Technik schimpfen, erscheint diese doch als eine Art Naturkatastrophe. Schließlich gibt es andere, die trotz Technik ihren Weg machen, alte Bekannte, die jetzt mehr verdienen und weniger arbeiten. Man hat den Omnibus verpaßt.

Das massenhaft individuelle Schicksal der Arbeitslosen ist auch der Grund dafür, daß hohe Arbeitslosigkeit eben keine Revolution bewirkt. Es ist – so zögernd man es sagt – schlicht nicht wahr, daß wachsende Arbeitslosigkeit die politische Ordnung bedroht. Jedenfalls ist das nicht so einfach wahr. Arbeitslose wählen alle möglichen Parteien, nicht ganz im Verhältnis zu deren Stärke, aber immerhin geben viele ihre Stimme den Konservativen. Arbeitslose wollen Recht und Ordnung und natürlich den wirtschaftlichen Aufschwung.

Die Arbeitslosigkeit ist politisch, wie James Alt es auf Grund von Meinungsforschungsdaten plausibel, wenn auch vielleicht etwas unglücklich formuliert, ein "altruistisches Problem". Es beunruhigt die Nicht-Arbeitslosen ebenso sehr wie die Arbeitslosen, wenn nicht mehr. Arbeitslose sehen ihre Lage als Schicksalsschlag. Die Verfechter der Arbeitswelt aber sind beunruhigt darüber, daß es so viele Arbeitslose gibt. Das paßt nicht in ihre geordnete soziale Landschaft. Derlei Motive stecken noch hinter den lautstarken Klagen der Gewerkschaften über die Arbeitslosigkeit; denn blickt man auf deren Handeln, dann führt dieses eher zur Vergrößerung als zur Verringerung des Problems. Gewerkschaften sind nun einmal Organisationen der Beschäftigten. Es ist also eher die bürgerliche Sorge um die unordentliche Welt, die in der öffentlichen Diskussion heraufkommt, als irgendeine Solidarität der Auch- oder Vielleicht-Betroffenen. Die meisten Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit bleiben ohnehin wirkungslos.

Die Unterscheidung, die solchen zynisch klingenden, wenn auch nicht so gemeinten Erwägungen zugrundeliegt, ist von kardinaler Bedeutung für das Verständnis sozialer Prozesse. Solidarisches Handeln hat zwei Bedingungen: Die Lage, in der Menschen sich finden, muß als systematisch verursacht gelten und empfunden werden können, und es muß ein Funke der Hoffnung da sein, daß sie sich durch gemeinsames Handeln ändern läßt. Im Extremfall heißt das, daß eine revolutionäre Situation da sein muß, in der kollektive Solidaritäten praktischen Ausdruck finden, und die Chance des Erfolges, die das Pulverfaß zur Explosion bringt. Bei den Arbeitslosen, ja der underclass überhaupt, fehlt nicht nur diese Chance, also die Hoffnung, durch kollektives Handeln irgend etwas zu erreichen, sondern schon das Bewußtsein der systematischen Verursachung der Situation. Nicht kollektive Solidarität ist daher wahrscheinlich, sondern allenfalls individuelle Konkurrenz, der Versuch von Einzelnen, sich aus der Malaise zu befreien, wenn nicht eine Lethargie, die auch den Einzelnen am Ende ergreift.

Alles Geschrei der Parteien und Organisationen, ja noch die gelegentliche Bildung von "Arbeitslosen-Gewerkschaften" (in England in den 30er Jahren) oder anderen Organisationen der underclass, ändert nichts an diesem fundamentalen Sachverhalt. Die underclass ist kein Proletariat, sondern im strengen Sinn des Marxschen Begriffes ein Lumpenproletariat. "Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen."

Auch ohne Geschichtsphilosophie ("proletarische Revolution", "alte Gesellschaft") bleibt die wichtige Beobachtung: Das Lumpenproletariat ist vielleicht die passive Verfaulung der Gesellschaft, Ausdruck ihrer äußersten Schwächen, nachdenklich stimmendes Geschwür am body politic; aber es bestimmt nicht, wohin die Reise geht. Es läßt sich zuweilen mobilisieren, ist eine Reservearmee von Demonstrationen und Bewegungen, hat keine sonderliche Angst vor der Gewalt – es schuldet der Gesellschaft nichts –, aber es bewegt nichts. Das Lumpenproletariat ist immer nur Symptom, nicht Produktivkraft. Es stört das Auge, nicht die obwaltenden Herrschaftsverhältnisse. Für die Bourgeoisie ist es letzten Endes ein ästhetisches Problem, auch wenn diese es manchmal mit der Angst kriegt.