Übrigens ist die Angst nicht ganz unberechtigt. Zweifellos verändert ein wachsendes Lumpenproletariat die Stimmung in einer Gesellschaft. Zum Unterschied vom Proletariat ist das Lumpenproletariat durchaus sichtbar. Da gibt es kein schamhaftes Verstecken von Armut. Clochards schlafen unter Brücken, Bettler sitzen an den großen Avenuen; die underclass besetzt Häuser, fängt Schlägereien an bei Fußballspielen (Fußball wird zum Sport der underclass und verliert daher seinen bürgerlichen appeal), zieht grölend durch die Nacht. Auch ist die underclass teuer, vor allem in europäischen Ländern, die sich hoffnungslos in ihrem sozialen Netz verheddert haben. Die underclass ist also durchaus lästig. Auch wenn sie keine Revolutionen anzetteln kann, läßt sie sich nicht einfach ignorieren.

Das gilt schon darum, weil sie ein besonders intimes Verhältnis zum Verbrechen hat. Dabei ist das große Verbrechen so selten wie der Hauptgewinn der Lotterie. Es geht mehr um die weggerissene Handtasche, das in den Ferien ausgeraubte Haus, den "kleinen" Überfall auf eine Sparkasse. Hier wird dann auch die massive politische Wirkung der neuen Unterklasse erkennbar: Weil man sie nicht mag, weil sie die eigenen Kreise stört, müssen "Maßnahmen" her, ein Reichsarbeitsdienst, Arbeitslager vielleicht, Stacheldraht und Mauer. Rechter und linker Faschismus reichen sich hier unbesorgt die Hand; beide sind Antworten der petite bourgeoisie, ja eigentlich der petty bourgeoisie, des kleinen, kleinkarierten, engdenkenden, fundamental-illiberalen Besitzertums, das es nicht ertragen kann, mit ein bißchen Unordnung zu leben. So schafft die underclass zuerst den Altruismus der bürgerlichen Politik, und am Ende aus lauter Altruismus die Abschaffung der Freiheit. (Dabei schließt "bürgerlich" selbstverständlich die Funktionäre der "Arbeiterbewegung" ein, von denen der "Neuen Heimat" und der "Bank für Gemeinwirtschaft" ganz zu schweigen.)

was also tun? In den Vereinigten Staaten bemüht sich unter anderen die Ford Foundation, mit an die Poor Laws des 19. Jahrhunderts erinnernder Rührigkeit, die neue underclass wenigstens anzukratzen: Hier ein Programm für schwangere Teenager, dort eines für geschiedene dominikanische Einwandererfrauen mit Kindern, hier ein Versuch der Alphabetisierung, dort einer der Bildung neuer Gemeinschaften, hier eine auf die underclass zielende städtebauliche Innovation, dort ein Ansatz zur gutmütigen Selbsthilfe gegen Kriminalität. Das altes ist wahrscheinlich erfolgreicher als staatliche Programme es je sein werden, aber es berührt das Phänomen nur ganz am Rande. Fast möchte man sagen, für jeden, dem geholfen wird, kommen zwei neue hinzu, wenn nicht solche Melancholie den Grundsatz außer Acht ließe, daß es immer besser ist, eine kleine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.

Ohnehin gehört es zur These vom nicht-revolutionären Charakter des Lumpenproletariats, daß eben diese Gruppe legitimes Objekt der Wohlfahrt ist, also der paternalistisch eingefärbten Fürsorge. Sie wird sich ihre Rechte nicht erkämpfen, sondern nur erschleichen. Für sie ist die warme Wolldecke, das freie Essen, die milde Gabe ebenso notwendig wie der Natur der Sache nach wirkungslos. Man hält Menschen am Leben, aber eben an einem Leben, das, auch wenn es mehr ist als physisches Vegetieren, ortlos und richtungslos bleibt. Fürsorge verändert nicht, und Veränderung ist nicht das Thema der underclass.

Vielleicht sollte die andere Seite des Bildes noch stärkere Konturen erhalten. Wenn eine Klasse durch gemeinsame Verursachung – durch die Privilegien des Adels, durch die institutionalisierte Vormacht der rassischen Zugehörigkeit, durch die parteigetragene Funktionsherrschaft der nomenklatura – ihre Lage erduldet, aber in sich die Kraft hat, die Strukturen ins Wanken zu bringen, die für ihre Lage verantwortlich sind, dann hilft Fürsorge nicht. Sie ist dann ein Pflästerchen, das das Potential der Unterdrückten stärkt und den Augenblik der revolutionären Explosion noch schneller herankommen läßt. Man sieht den Führern solcher Klassen an, daß sie auf den Wellen der Zukunft reiten. Eben das aber tut die underclass nicht. Für ihre Mitglieder ist Fürsorge schon das letzte Wort.

In Europa sind das "Fälle" für die Sozialhilfe. Die Arbeitenden, die sich doch so nach Recht und Ordnung sehnen, perpetuieren die underclass, die eben diese gefährdet. Das ist nur eine der vielen Paradoxien, die die Verfinsterung der Modernität uns beschert. Hier wird auch nicht für die Abschaffung der Sozialhilfe plädiert. Hier wird überhaupt nicht plädiert – vielleicht zum Ärger manches Lesers –, sondern nur festgestellt. Denn genaugenommen wissen wir nicht, was wir mit dieser neuen Sozialkategorie machen sollen. Wir verstehen sie noch nicht einmal. Der Weg zu ihrer Reduzierung, von Beseitigung ganz zu schweigen, ist noch weit. Wir werden weiter an Symptomen kurieren und dadurch die Dinge verschlimmern. Am Ende werden wir einen hohen Preis zahlen.

Es wird also mehr Arbeitslose geben. Junge Menschen werden sich auch weiterhin nicht zuhause fühlen in unserer Gesellschaft. Fremdarbeiter werden die Ausgestoßenen bleiben, die sie heute sind. Die Kriminalität wird wachsen. Manche werden empfehlen, die alten Rezepte noch entschiedener anzuwenden, also mehr Chancengleichheit zu suchen, junge Menschen noch nachsichtiger zu behandeln, jeden hereinzulassen, ob er anklopft oder nicht; andere werden das Gegenteil praktizieren, bevor sie es empfehlen. In einem tieferen Sinn werden beide scheitern.