Ist das wirklich alles? Blickt man auf die Geschichte, sei es auch nur die der letzten zwei Jahrhunderte, dann zeigt sich, daß das Lumpenproletariat mal wächst und mal schrumpft. In den Anfängen der Industrialisierung war es riesig, vor allem in England. Da wurde die alte Beggar’s Opera zur Dreigroschenoper für viele. Sie kamen vom Land, aus einem noch unzerstückelten Leben. Die Arbeitsteilung mußten sie noch lernen, so wie die arbeitsgeteilte Welt sich daran gewöhnen mußte, sie aufzusaugen. Das geschah. Es entstand die industrielle Gesellschaft. Ob das auch für die längst aus allen Säumen geplatzten Mammutstädte Lateinamerikas gilt, mag man bezweifeln. Da harren vielleicht andere, politischere Prozesse. Doch zeigt sich überall, daß das Lumpenproletariat nicht über eine gewisse Grenze wächst, und daß es auch wieder schrumpft.

Falsche Beruhigung ist da allerdings fehl am Platze. Das Lumpenproletariat ist immer ein Zeichen. Ist es schon kein Signal für die bevorstehende Revolution, dann verrät es doch, daß eine verharzte, enge, zukunftslose Normalität die Mehrheit bestimmt. Die um Arbeit zentrierte Gesellschaft ist tot, aber wir wissen nicht, wie wir sie begraben sollen. Auch die hinter der Chancengleichheit verstohlen hervorblickende Annahme der Leistungs- und Aufstiegssehnsucht ist kaum noch aufrechtzuerhalten; nur fällt uns nichts ein, das an ihre Stelle treten könnte.

Der Gesellschaftsvertrag selbst gerät ins Wanken, aber die an ihm vor allem Interessierten halten die Reihen fest geschlossen. Über der Legitimität ihrer Herrschaft hängen Fragezeichen; nur gibt es noch niemanden, der ihnen ihre Stellung ernsthaft und mit Erfolgschancen streitig macht. Irgendwann wird in diesem Klima des Zweifels und der Ratlosigkeit etwas Neues entstehen, eine Produktivkraft gar. Auch wenn das geschieht, wird indes das Lumpenproletariat, die underclass, allenfalls kontingent gewesen sein, anwesend bei der Geburt, doch weder Vater noch Pate, ein lästiger, doch unabweisbarer Gast im Gang der Dinge.