Von Robert Treichler

Payavisittome!“ Der kleine Mönch kann nur diese fünf Worte Englisch, und er spricht sie aus wie ein Wort „Stattensiemireinenbesuchab!“ Sehr förmlich für einen achtjährigen Mönchsschüler mit geflickter Robe.

Sein Kloster liegt gleich hinter jenem zerbröckelnden Backsteinkubus, der einst die größte Pagode der Welt hätte werden sollen, 150 Meter noch. Bei 49 Metern starb der Bauherr, ein König. Die Mingun Pagoda blieb eine Bauruine, ihren religiösen Charakter behielt sie bei. Rundherum sind buddhistische Klöster und weniger ehrgeizige Pagoden angesiedelt.

Im Kloster Mingun Pagoda löst sich das Rätsel um den würdevollen Empfang, ein 27jähriger Mönch erwartet bereits den Touristen, den sein Schüler herbeigelotst hat – mich. U Ka Marra, wie er sich später in schwankenden Druckbuchstaben vorstellt, bittet mich in einen großen Raum mit Holzfußboden. An der Wand stehen einige Bänke, hängen Bilder ernster Mönche in verblichenen orangefarbenen Umhängen. Einer der Geistlichen trägt eine Sonnenbrille, U Ka Mara hat einen geschorenen Kopf und auffallend zottige schwarze Haarbüschel unter den Achseln. Irgendwie haben diese Mönche mit ihrer entblößten rechten Schulter etwas Frivoles. Mein Gastgeber tischt Tee auf und zieht ein abgegriffenes Wörterbüchlein hervor: Burmese-English Dictionary.

U Ka Marra möchte mit mir Vokabeln üben. Sein Finger streift einen Satz in burmesischer Schrift, gleitet hinüber, wo die englische Übersetzung steht. Kindly let me know your name. By all means can you arrange a car? I salute you! Wieder diese Förmlichkeit; das Wörterbuch muß aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammen.

Der Mönch liest tastend englische Sätze vor, ich muß ihn korrigieren und bestätigen. Daß meine Muttersprache Schwyzertütsch ist, scheint ihn nicht zu kümmern. Ich schenke ihm Prospekte schweizerischer Ferienorte, in denen dieselben Bergdörfer, dieselben Täler einmal mit und einmal ohne Schnee abgebildet sind. O, is very beautiful.

So geht die Lektion zu Ende. U Ka Marra ruft eine Nonne herbei, die im selben Kloster dient. Sie kocht für ihn und seinen assistant, wie er den Kleinen nennt, und er liest ihr dafür aus der bible vor, wie er sagt. Vielleicht ist im burmesisch-englischen Wörterbuch bible die Übersetzung für buddhistische Schriften.