Von Hanns Grössel

Im Jahr 1982 hat der Frankfurter Robinson Verlag damit begonnen, das Werk des französischen Erzählers Robert Merle in der Bundesrepublik vorzustellen. Merle, der am 20. August 1983 fünfundsiebzig Jahre alt geworden ist, blickt auf eine Reihe erfolgreicher, in Frankreich auch als Taschenbücher verbreiteter Romane zurück.

Sein Erstling, „Wochenend in Zuidcoote“, wurde 1949 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und erschien bereits ein Jahr darauf im damaligen Münchner Biederstein Verlag auf deutsch. Als zweiten Roman des Autors brachte Biederstein 1964 „Die Insel“ heraus. Weitere Bücher von Merle sind dann in der DDR übersetzt und später vom Robinson Verlag als Lizenzausgaben übernommen worden.

So verschieden die Stoffe dieser Romane sind – Merle greift darin gern auf ein Grundmuster zurück, das er schon in „Wochenend in Zuidcoote“ benutzt hat: Eine kleine Gruppe französischer Soldaten, die Anfang Juni 1940 im Kessel von Dünkirchen eingeschlossen sind, erfahren die Sinnlosigkeit des Krieges; sie spiegelt sich zumal in den Erlebnissen des Erzählers, des Feldwebels Julien Maillat, der bei einem Bombenangriff ums Leben kommt. Ihm stellt sich der Krieg als etwas „ebenso Absurdes und Sinnloses wie eine Seite Daten in einer Geschichtstabelle“ dar. Nach Gerda Zeltner-Neukomm beruht die Wirkung des „existentialistischen“ Romans darauf, daß die Realität „durch die Aussage so wenig wie möglich organisiert werden“ soll.

Entscheidend freilich ist, welchen Ausschnitt der Realität ein Romancier wählt. In mehreren von Merles späteren Romanen wird die Erzähl-Situation stark reduziert: Es ist eine Insel-Situation, in der Ausnahmezustände herrschen und bestimmte Gesellschaftsnormen und -gesetze eine Zeitlang aufgehoben sind. Das gilt nicht nur für „Die Insel “, eine „Robinsonade“, aus der Ulrich Greiner (ZEIT vom 2. 7. 1982) den bezeichnenden Dialog zitiert hat: „Finden Sie, daß die Disziplin nachgelassen hat?“ (...) ‚Sie hat nicht nachgelassen‘ (...). ‚Sie existiert nicht.‘ “ Es gilt auch für „Malevil...“ und die kleine Gruppe von Überlebenden nach einer Bombenexplosion; Faustrecht und Tauschhandel sind an der Tagesordnung, und ein „umsichtiger Chef“ muß durchgreifen, „der die zivile, religiöse und militärische Autorität in einer Person vereinigt“, wie Lothar Baier (ZEIT vom 26. 8. 1983) geschrieben hat.

Deutlicher noch treten die „reaktionären, frauenfeindlichen und konformistischen Züge“, die Baier an „Malevil...“ entdeckt, in dem Roman „Die geschützten Männer“ zutage, nur notdürftig von herkömmlichen Science-fiction-Elementen übertüncht. Auch hier eine Insel-Situation, ein reduziertes Gesellschaftsmodell: diesmal ein streng bewachtes amerikanisches Forschungs-Camp unter einer Frauenregierung. „Fensterloser Raum mit Klimaanlage“ lauten die (verräterischen) ersten Worte des Textes. Durch die Einschaltung des ganz und gar phallokratischen Erzählers Dr. Ralph Martinelli werden gewisse Tendenzen der Frauenbewegung derart ins Fratzenhafte vergröbert, daß die heutigen Zustände nicht nur erträglich, sondern wünschenswert erscheinen; „die mitreißend erzählte Persiflage eines speziell amerikanischen Puritanismus“, wie Walter Heut geurteilt hat, ist das nicht – es ist Festigung des Bestehenden durch erzählerische Mittel.

Eine andere, auf andere Weise problematische Bewandtnis hat es mit dem Buch „Der Tod ist mein Beruf“. Der Erzähler heißt Rudolf Lang und ist im Jahre 1900 geboren. In der ersten Person berichtet er über sein Leben: zuerst über düstere Schuljahre unter dem Druck eines überstrengen Vaters – Jahre, die vor allem Lehrjahre in absolutem Gehorsam sind. Der Vater möchte, daß sein Sohn Priester wird; als er 1914 stirbt und kurz danach der Erste Weltkrieg ausbricht, kann Rudolf sich über diesen Wunsch hinwegsetzen; trotz seines jugendlichen Alters gelingt es ihm 1916, in ein Dragoner-Regiment einzutreten und an die Front zu kommen. Auf türkischer Seite kämpft er im Irak und in Palästina, wird verwundet, befördert und dekoriert. Nach der Kapitulation schlägt er sich mit einer Handvoll Kameraden nach Deutschland durch.