Von Thomas von Randow

Ruth Mertens denkt mit Schaudern an die Vorweihnachtszeit zurück. „So schlimm ist es noch nie gewesen“, klagt sie, „die Leute waren wie verrückt nach den Dingern.“

Die Dinger sind Heimcomputer, Kästen von der Form und Größe einer Brottrommel, mit Schreibmaschinen-Tastaturen darauf. „Sie waren der absolute Renner“, sagt Frau Mertens, die sie in dem neu eingerichteten „Computer-Center“ des großen Warenhauses zu verkaufen hat. Daß der zum Mann des Jahres 1983 gekürte Computer just in jenem Jahr auch ein Verkaufsschlager würde, hatte jeder in der Branche vorausgesehen. Dennoch konnten einige Hersteller mit der Kauflust der Massen nicht Schritt halten.

Spitzenreiter Commodore – in der zweiten Jahreshälfte vervierfachte er seinen Umsatz gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres – hatte die Produktion in Braunschweig wie in allen anderen-Werken rund um den Globus mit Sonderschichten und zusätzlichen Arbeitskräften mächtig ßert. Dennoch vermochte er den Maria mit dem erstaunlich leistungsstarken, von Fachjournalisten zum „Computer des Jahres“ ernannten Modell „C-64“, das vielerorts für weniger als 800 Mark zu haben war, nicht zu befriedigen. Wie ihre Kollegen und Kolleginnen in anderen Warenhäusern und Computerläden mußte Frau Mertens den Kunden Nummern aushändigen, damit sie der Reihe nach beliefert werden konnten. Und mancher Beschenkte fand auf dem Gabentisch statt des ersehnten Computers nur einen Gutschein vor.

Inzwischen sind die Gutscheine längst gegen die „Hardware“ eingetauscht, womit in der Computerei all das bezeichnet wird, was sich anfassen läßt – im Gegensatz zur nicht greifbaren „Software“, nämlich dem Ausgedachten, zum Beispiel Programmen.

Jetzt also steht der Branchenschätzung nach fast in jeder hundertsten bundesdeutschen Wohnung ein Heimcomputer, zumeist im Kinderzimmer. Was geschieht damit?

Der Computer allein, das Kästchen, genügt nicht. Was einer auf der Tastatur tippt, sollte irgendwo erscheinen, in der Regel auf einem Bildschirm. Der aber muß nicht unbedingt angeschafft werden. Denn die Computer lassen sich an das heimische Fernsehgerät anschließen. Das bereitet allerdings oft Ärger in der Familie, weshalb früher oder später ein spezieller Computer-Bildschirm gekauft wird, ein „Monitor“.