ARD und ZDF in den letzten Tagen: Nachrichten, Kommentare, Diskussionen zum Fall Günter Kießling

Im deutschen Fernsehen hatte die Stunde der großen Worte und der miesen Grimassen geschlagen, als die Verantwortlichen über jenen Fall des unter der Devise „Wer Schwuler ist, bestimme ich“ angetretenen Militärischen Abschirm-Dienstes berichteten, der zu Unrecht immer noch ein Fall Kießling genannt wird: Minister Wörner redete mit nimmermüdem Elan über seine Pflicht und gebärdete sich unbekümmert, unangefochten und forsch wie die Karikatur eines idealen Landedelmanns. (Ohne dessen Nachdenklichkeit also und ohne die Bereitschaft, nicht nur die verfluchte Pflicht zu. tun, sondern auch die verfluchten Konsequenzen aus mißlungenen Pflichtbemühungen zu ziehen.) Wörners Pressesprecher, ein Oberst R., belustigte sich derweil über die Zumutung, pflichtgetreue Beamte mit Stammgästen der sogenannten Szene auf eine Stufe stellen zu müssen.

Auf der einen Seite die Pose hoher und niederer Art, auf der anderen der Ausdruck baren Entsetzens (Gerd Schmückle verstand, zu Recht, die Welt nicht mehr: Was die da angerichtet hatten, die Wichtigtuer vom Abschirm-Dienst und deren hilfloser Dienstherr) und in der Mitte ein liebenswürdiger General, Günter Kießling, der sich in der wogenden Schlacht mit Charme, Eloquenz und Eigenwilligkeit verteidigte, sachbezogen und mit treffendem Wort. Er könne beim besten Willen nicht glauben, so der mit Schimpf und Schande an den Pranger Gestellte, daß alle, die jetzt für den Minister sprächen, an seine, Kießlings, Schuld und alle, die für ihn einträten, an seine Unschuld glaubten. So einfach sei die Sache am Ende nun auch wieder nicht.

Recht hat er, der General, und es wäre gut gewesen, wenn couragierte Männer aus seiner Umgebung, andere hohe Offiziere, in diesen Tagen am Fernsehen verbindlich erklärt hätten, in ruhig begründender Rede, was das eigentlich sei, Kameradschaft unter Soldaten, worin sie sich bewähre und was sie auszeichne vor der Freundschaft unter den Zivilisten, damit offenkundig geworden wäre, auch und gerade aus der Perspektive von Militärs, daß Günter Kießling recht hatte mit seiner Vermutung, die Sache sei tatsächlich so einfach nicht... Und dies aus einem einzigen Grund: Wenn es um Außenseiter geht, den Juden Dreyfus, den Intellektuellen von Fritsch, den unbotmäßigen, von Kommißköppen wenig geachteten Kießling, dann müssen die großen Worte und die schäbigen Gesten und die starren Fronten die kleine traurige Wahrheit verhüllen, daß einer um so leichter fällt und um so kaltblütiger vom Apparat preisgegeben wird, je weniger er sich ins Schema fügt und je leichter er als Außenseiter zu stigmatisieren ist.

Dies – und nicht die zwanzigste „Enthüllung“ oder der einundzwanzigste nachgeschobene „Beweis“ – war das eigentliche Thema der Fernsehdiskussionen in diesen Tagen, in denen von offenen Bademänteln, Barhockern, Stammgästen in der Szene und schmuddeligem Milieu, von großer Pflicht und kleiner Neigung die Rede war – aber nur selten von des Pudels Kern, der Brandmarkungsfähigkeit eines Menschen, den man glaubt zu den Existenzen und Typen einer Randgruppe zählen zu können. Das Mienenspiel des Obersten R., der im Namen des Verteidigungsministeriums redete, sprach für sich selbst.

In Bonn, so der Eindruck am Bildschirm, wurde – wer weiß? – ein kleiner Fall Dreyfus in Szene gesetzt. Momos