Damit es 1984 nicht zu einer Lehrstellen-Katastrophe kommt, sind gewaltige Anstrengungen notwendig

Wenn es um die Jugend geht, dann sind Politiker, Gewerkschafter und Arbeitgebervertreter selten um schöne Worte und hehre Bekenntnisse verlegen. Dann fallen ihnen so schöne Formulierungen ein wie die von der „Verantwortung gegenüber der jungen Generation“ oder – besser noch – daß „die Jugend die Zukunft des Landes“ sei. Doch solche Worte sind wohlfeil. Was zählt, sind Taten.

Und was die Taten angeht, so werden Staat und Sozialpartner in diesem Jahr noch einmal auf eine harte Probe gestellt. Denn wieviel die Jugend den Verantwortlichen wirklich wert ist, wird sich 1984 vor allem daran zeigen, ob es gelingt, für die Schulabgänger genügend Ausbildungsplätze bereitzustellen. Das wird nicht einfach sein. Die Wirtschaft müßte dazu ihren im vergangenen Jahr aufgestellten Lehrstellenrekord noch einmal kräftig überbieten. Vermutlich 730 000 Jugendliche werden nämlich in den nächsten Monaten bei öffentlichen und privaten Unternehmen in der Hoffnung anklopfen, dort eine Ausbildung zu erhalten, die die Grundlage für ein Berufsleben sein soll, das weit über die Jahrtausendwende hinausreicht.

Umgekehrt allerdings gilt auch: Wer abgewiesen wird, muß vielleicht jahrzehntelang unter diesem Fehlstart ins Berufsleben leiden. Daraus kann sich nicht nur eine persönliche Tragödie entwickeln, sondern auch eine schwere soziale, politische und wirtschaftliche Belastung für die Gesellschaft werden. Es handelt sich schließlich nicht nur um Einzelschicksale. In ihrer Addition wird aus jungen Menschen ohne Ausbildung eine nach Zehntausenden zählende soziale Gruppe von Chancenlosen.

Daß die für das vergangene Jahr vorhergesagte Lehrstellenkatastrophe ausgeblieben ist, verdanken wir den Unternehmen, die sich der Herausforderung gestellt und trotz der hohen Kosten je Ausbildungsplatz mehr junge Menschen als je zuvor aufgenommen haben. Die großartige Leistung von 1983 kann aber nur dann überboten – und damit eine Ausbildungskatastrophe ’84 verhindert – werden, wenn sich auch die Betriebe und Verwaltungen an dem jetzt erforderlichen Kraftakt beteiligen, die bisher noch abseits standen. Diesen ins Gewissen zu reden, ist in erster Linie die Aufgabe der Wirtschaftsverbände.

Einen großen Beitrag müssen und können aber auch die Gewerkschaften leisten: Zum Beispiel, indem sie darauf verzichten, die Azubis – wie sie auf neuhochdeutsch heißen – noch teurer zu machen. Die IG Chemie ist hier im vergangenen Jahr mit gutem Beispiel vorangegangen. Die Antwort der Industrie bestand darin, die Zahl der Ausbildungsplätze um mehr als sechszehn Prozent zu erhöhen – weit mehr als in anderen Branchen.

In einem Jahr mit sehr mäßigen Preissteigerungen und angesichts der Tatsache, daß die Lehrlingsvergütung ohnehin mit jedem neuen Ausbildungsjahr kräftig angehoben wird – im Durchschnitt von 555 Mark im ersten auf 732 Mark monatlich im dritten Jahr – wäre ein Verzicht auf die seit Jahrzehnten zum Gewohnheitsrecht gewordene jährliche Steigerung im Rahmen der Tarifrunde 1984 kein unzumutbares Opfer der Ausbildungsplatz-Besitzer. Angesichts der auf zwanzigtausend Mark und mehr gestiegenen jährlichen Gesamtkosten je Ausbildungsplatz halten es dagegen viele Unternehmer nicht für zumutbar, wenn mehr Lehrstellen und mehr Geld gleichzeitig von ihnen gefordert werden.

Es wäre deshalb gut, wenn die Gewerkschaften nicht nur immer Forderungen an andere stellen. Sie müßten auch selbst bereit sein, einen Beitrag zu leisten. Das Beispiel der Tarifparteien in der chemischen Industrie zeigt, daß es sich im Interesse der Jugendlichen lohnt. Michael Jungblut