Zur eigentlichen Sache hat die 6. Große Strafkammer des Kölner Landgerichts bisher wenig gehört. Die Sache des angeklagten Ex-Bankiers Iwan p. Herstatt – Bilanzverfälschung, Untreue und Bankrott – ist vorerst nämlich Nebensache. Hauptsache ist noch die ärztliche Kunst, oder das, was dem Gericht davon vorgeführt wurde.

Daß Iwan D. Herstatt noch einmal angeklagt würde, haben nur wenige erwartet. Als der Mann, der dem größten Bankenskandal der Nachkriegsgeschichte ebenso wie einem der größten Wirtschaftsprozesse den Namen gab, erstmals 1979 vor seinen Richter treten sollte, war er bereits so von Krankheit gezeichnet, daß man ihn auf Dauer für verhandlungsunfähig erklärte.

Dann kam es doch noch anders, zumindest für Iwan D. Herstatt. Die Staatsanwaltschaft hatte allerlei Ungereimtes erfahren. Der lebensbedrohlich am Herzen erkrankte Herstatt aus dem vornehmen Kölner Villenviertel Marienburg war guter Dinge im sonnigen Capri gesichtet worden, auch außerordentlich fidel in Rottach-Egern. Als Sektvertreter und Computer-Repräsentant hatte man ihn ebenfalls agieren gesehen, offenbar recht gesund. Das Gericht bat den medizinischen Gutachter, der 1979 die Verhandlungsunfähigkeit von Herstatt begutachtet und bescheinigt hatte, erneut um ein Gesundheitsattest. Der Bonner Professor Adalbert Schaede, ein Herzspezialist mit untadeligem Ruf, attestierte eine bedingte Verhandlungsunfähigkeit. Kurze Prozeßsitzungen, durch Pausen unterbrochen, könne Iwan D. Herstatt in Anwesenheit eines Arztes durchstehen, befand der Bonner Kardiologe. Für Staatsanwaltschaft und Gericht war dies das Startzeichen. Die Hauptverhandlung gegen Iwan D. Herstatt wurde terminiert. Die Anklage hatte sich auf drei Punkte konzentriert:

  • Bilanzverfälschung, weil Herstatt als persönlich haftender Gesellschafter die Bilanz des Geschäftsjahres 1973 mit beinahe zwanzig Millionen Mark Gewinn unterschrieben habe, obwohl doch eigentlich ein Verlust von 440 Millionen Mark hätte ausgewiesen werden müssen. Aus der Bilanzverfälschung folgt:
  • Untreue, weil aus dem angeblichen Gewinn verbotenerweise Dividenden und Tantiemen ausgeschüttet wurden.
  • Bankrott-Vorwurf, weil Herstatt vor Schließung der Bank rasch noch etwas Geld beiseite geschafft haben soll.

Bei Prozeßbeginn am 11. Januar trat Herstatt an nicht erst an. Er hatte sich schon im Dezember, als die Verhandlung gegen ihn absehbar war, ins Krankenhaus begeben. Dort wurde ihm eine, für einen angeblich mittellosen Patienten erfreulich aufmerksame Behandlung zuteil: Herstatt bekam nicht nur ein Ein-Bett-Zimmer, sondern auch die bevorzugte Behandlung durch den Chef der Merheimer Klinik, Professor Werner Kaufmann. Der attestierte seinem Patienten so gravierende Herz- und Kreislaufbeschwerden, daß er eine Prozeßteilnahme seines Patienten nicht verantworten mochte.

Bei der Staatsanwaltschaft kam der Argwohn auf, daß die plötzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes nicht allein medizinisch zu erklären sei. So berichtet die Staatsanwaltschaft beiläufig, daß Professor Kaufmann schon früher, vor der Bankpleite, die leitenden Herren der Bank behandelt hat. Von sehr hohen Honoraren ist die Rede. Hat Kaufmann jetzt etwa ein Gefälligkeitsgutachten ausgestellt? Soweit gehen die Ankläger bei ihren öffentlich angestellten Vermutungen nicht. Aber sie geben zu bedenken, ob der angeklagte Herstatt bei dem Arzt nicht vielleicht doch einen gewissen Vertrauensvorschuß genieße.

Dem Vorsitzenden Richter Alois Weiss, ein außerordentlich wohlpräparierter Mann, dem die Halbgötter in Weiß offenbar gar keinen besonderen Respekt einflößen, wird die Sache sichtlich zu bunt, zumal Herstatt nun wirklich erst einmal verhandlungsunfähig wird, gemacht wird: Kaufmann hat ihm nämlich einen Herzschrittmacher implantiert.