Was die Unesco war, was sie sein wollte, was sie heute ist und was aus ihr noch werden kann

Von Rudolf Walter Leonhardt

Paris, im Januar

Die Amerikaner haben zweifellos Recht, wenn sie (Originalton Außenminister Shultz) feststellen: Es gibt Tendenzen, die Unesco hinwegzuführen von den ursprünglichen Prinzipien ihrer Verfassung

Natürlich war das alles einmal ganz anders gedacht. Nach dem Ersten Weltkrieg war es der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der die entscheidenden Impulse gab zur Gründung des "Völkerbundes" (dem die Vereinigten Staaten dann nicht beitraten!). Als Pflegekind des Völkerbundes entstand das "Internationale Institut für geistige Zusammenarbeit", in dem die Kapazitäten er Welt-Intelligenz die Probleme des Zusammenlebens auf unserem Planeten durchdringen und erforschen sollten, um der politischen Instanz des Völkerbundes eine geistige Führung zu geben. Dieser Aufforderung folgten berühmte Männer wie Freud, Einstein, Thomas Mann, Valéry und Radakrishnan.

Der Völkerbund und sein Denk-Institut hatten den Zweiten Weltkrieg nicht verhindern können. Aber unverdrossen gründeten die Vereinigten Staaten gleich nach Ende jenes Krieges die Weltorganisation der Vereinten Nationen mit einem Enthusiasmus, der in keinem anderen Land übertroffen wurde. Als Engländer und Franzosen – unter ihnen zwei Premierminister und Gelehrte vom Rang eines Gilbert Murray oder Frédéric Joliot-Curie – im November 1945 in London beschlossen, auch der neuen Weltorganisation ihr Denk-Institut an die Seite zu stellen, waren die Amerikaner die ersten, die das guthießen. Am 4. November 1946 wurde im Pariser "Hotel Majestic" die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, kurz Unesco, aus der Taufe gehoben. Der Verband zählte 28 Mitglieder. Der Generaldirektor hatte einen Beamten-Apparat von etwa hundert Leuten und ein Budget von sieben Millionen Dollar. Ihnen teils neben-, teils übergeordnet war ein Exekutiv-Rat von 18 Personen, die wichtige Repräsentanten von Kultur und Wissenschaft aus allen Ländern der Welt sein sollten. Schließlich gab es nationale Delegationen bei der Unesco, die, nach dem Willen des ehemaligen französischen Regierungschefs Léon Blum, "sich zusammensetzen sollten zur Hälfte aus Offiziellen und zur Hälfte aus Persönlichkeiten des kulturellen und kreativen Lebens".

Heute hat die Unesco 161 Mitglieder, 2700 Beamte und einen Jahresetat von 180 Millionen Dollar. Der Exekutiv-Rat besteht aus 51 Personen, und von "Persönlichkeiten des kulturellen und kreativen Lebens" kann weder in diesem Rat noch bei den nationalen Delegationen die Rede sein, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für die vor allem die Länder der sogenannten Dritten Welt sorgen. Denn dreierlei geschah in den späten 60er, frühen 70er Jahren unter dem einflußreichsten Generaldirektor, den die Unesco gehabt hat, dem Franzosen René Maheu, als Quantitäten umschlugen in Qualitäten: