Von Hermann Bößenecker

Bayerns Wirtschaftsminister Anton Taumann war sichtlich deprimiert. Auch ihn hatte der Spruch des Verwaltungsgerichts Regensburg geschockt, der den Bau des Atomkraftwerkes Ohu II an der Isar stoppte.

Bei einem Empfang im Antiquarium der Münchner Residenz sinnierte Jaumann, was diese juristische Entscheidung die Betreiber und damit letztlich die Stromverbraucher im weiß-blauen Freistaat im teuersten Fall kosten könnte: zwei Milliarden Mark. Auf diese Riesensumme könnte sich der Schaden kumulieren, wenn das bisher auf 5,4 Milliarden Mark veranschlagte Mammutbauwerk tatsächlich, wie das Gericht in der mündlichen Urteilsbegründung abschätzte, um drei bis vier Jahre später fertig werden sollte.

Solche Befürchtungen suchen die Reaktorbauer, an der Spitze die von Land und Bund getragene Bayernwerk AG, allerdings zu verdrängen. Sie haben ebenso wie das Ministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen als Genehmigungsbehörde unverzüglich Berufung und Beschwerde gegen die ihrer Meinung nach falsche Entscheidung es Gerichts beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof eingelegt. Dieser könnte, so hofft Umweltminister Alfred Dick, bereits in wenigen Monaten die Regensburger Richter korrigieren und ihren Beschluß aufheben.

Für ein halbes Jahr Baustopp werden die Kosten auf rund 200 Millionen Mark veranschlagt – nicht gerechnet die annähernd 500 Millionen Mark, die zusätzlich für Ersatzstrom anfallen dürften, wenn der 1300-Megawatt-Druckwasserreaktor nicht rechtzeitig wie geplant im Winter 1988/89 ans Netz geht.

Auf einmal war die 45jährige Bäuerin Franziska Beck aus dem niederbayerischen Postau prominent. Sie hatte durch ihre Klage das Gericht auf ihre Seite gebracht. Sie fürchtet um ihre und ihrer Familie Gesundheit, macht Gefahren für ihren Hof, der fünf Kilometer von der Reaktorbaustelle entfernt ist, und seine Produkte geltend.

Frau Beck ist gewiß keine typische Bäuerin. Als Oberstudienrätin unterrichtet sie halbtags an einer Berufsschule in Kinderpflege. Das Landshuter Bürgerforum gegen das zweite Kernkraftwerk im benachbarten Ohu hat sie juristisch und finanziell unterstützt. Rechtsanwalt Thomas von Taufenbach feiert den Gerichtsbeschluß denn auch als „Urteil gegen Fakten aus Stahl und Beton, für die Menschenrechte“.