Bis zu 6000 Menschen kann der Metallbau fassen, den Präsident Mitterrand diesen Monat an der Porte de Pantin eröffnete: „Le Zenith“ – der neue Pariser Rock-Palast; er ist, auf dem ehemaligen Schlachthofgelände von La Villette und in der Nachbarschaft des geplanten Museums für Wissenschaft und Technik, Teil der kulturell ehrgeizigen Großpläne der sozialistischen Regierung. Eine andere Zahl, genau tags zuvor veröffentlicht, verschattet allerdings dieses hellschimmernde Bild von der „Kulturgroßmacht Frankreich“ Im Auftrage von drei Ministerien fand eine Regierungskommission heraus, daß es – nicht in Indien, Paraguay oder am Kongo, sondern im Herzen Europas – in Frankreich fünf Millionen Analphabeten gibt.

Das Land von Voltaire und Sartre, von Molière und Beckett; das Land, das hochmütig auf die amerikanische Unbildung (1976 über zehn Prozent Analphabeten) herabsah und in dem Kulturminister Jack Lang – „Chéreau statt Dallas“ – die US-Unkultur verdrängen wollte, hat Millionen, die weder Voltaire noch Sartre lesen können, nicht mal die Milchrechnung. Die Schlagzeilen einer entgeisterten Presse, nach Premier Mauroys Publikation des Berichts, stöhnten förmlich auf: „Die Analphabeten sind unter uns.“ F.J.R.