Von Jutta Scherrer

Ein bärtiger Mann im großen Hemd. Zunächst zeigt ihn die Kamera beim Holzhacken. Rastlos, hektisch. Dann tennisspielend auf dem von ihm selbst errichteten Platz. Reminiszenzen an den alten Tolstoi auf Jasnaja Poljana. Nur, daß man hier häufig und gern Besucher empfing, die schon damals aus aller Welt kamen. Während es eine bemerkenswerte Ausnahme war, als sich unlängst die mit elektronischen Sprechanlagen versehenen Tore des ausgedehnten Besitzes weitab im Nordosten des Staates Vermont groß öffneten: Bernard Pivot, Veranstalter der renommierten Sendung „Apostrophe“, an der teilzunehmen für die Pariser Intelligentsia-Schikeria eine unvergleichliche Auszeichnung bedeutet, hielt gleich mit einem ganzen Fernsehteam Einzug in Solschenizyns einsamen Hof. Und gute anderthalb Stunden lang (das Ganze wurde zu einer der beliebtesten Sendezeiten ausgestrahlt und in der Woche darauf wiederholt) hatte das französische Bildungsbürgertum Muße, sich einen Tag im Leben des Alexander Issajewitsch Solschenizyn vor Augen zu führen.

Nein, das imposante Waldgut nahe der kanadischen Grenze ist nicht von Stacheldraht umgeben. Das Gerede von dem Schriftsteller, der sich hier seinen eigenen Gulag errichtet hätte, erweist sich als infames Klischee. Wohl aber ist das, was die Bilder eindrucksvoll zeigen, ein Exil im Exil.

1974 durch. Regierungsdekret zum Exil verurteilt (eine Maßnahme, die die sowjetischen Behörden seit Trotzkis Deportation in die Türkei nicht wieder angewendet hatten), hat sich Solschenizyn im Staate Vermont weniger von der Welt als für sein Werk exiliert. Mit 65 Jahren steht in seinem Leben alles unter dem Zeichen der für ihn nunmehr kurz bemessenen Zeit. Und er weiß sehr wohl, daß er sein gewaltiges Projekt nicht vollenden kann: an die zwanzig Bände, in Romanform, über die Ereignisse in der russischen Geschichte, die zum revolutionären Umsturz im Oktober 1917 führten. So hat er sich für die Methode der „Knoten“ entschieden. Wie geometrische Knotenpunkte ausreichen, um den Verlauf einer Kurve zu zeichnen, geht es dem einst als Mathematiker tätigen Solchenizyn für sein historisches Romanwerk um die kurzen Segmente – wie August 1914, März 1917 – und nicht die längeren Intervalle. Drei „Knoten“ sind bereits geschrieben, am vierten arbeitet er, mindestens bis zum siebten will er noch kommen. Soeben erschienen in Paris die russische Ausgabe sowie die französische Übersetzung des ersten Abschnitts, „August 1914“. Die erste Ausgabe aus dem Jahre 1972 wurde um ganze 400 Seiten ergänzt: ein vergeistigtes Bild des Zaren Nikolaus II.; ein gläubiges Bekenntnis zu dem 1911 durch ein Attentat ums Leben gekommenen Ministerpräsidenten Stolypin – was den Anlaß bietet, über den Terrorismus als ein weit über Rußland hinausgreifendes, ja zeitgenössisches Problem zu meditieren; natürlich der Krieg von 1914, als dessen Zeitgenosse er sich fühlt, hatte er doch dieselben ostpreußischen Kampfesfelder drei Jahrzehnte später selber durchzogen; schließlich ein Stück über Lenin (das schon früher in „Lenin in Zürich“ erschienen war), der von Anfang an verstanden hätte, welche Chance dieser Krieg für die Revolution bedeutete. Das „Rote Rad“, der Obertitel, ist die Revolution, die ganz Rußland zerstört.

Angefangen hatte für ihn alles, wie er bewegt schildert, mit Tolstojs „Krieg und Frieden“, der Lektüre des Zehnjährigen. 1936 macht sich der damals 18jährige Student daran, die große Epopöe der russischen Revolution zu schreiben. Krieg, Gefängnis und Lager sind einschneidende Unterbrechungen, doch vermögen sie nicht, den Besessenen von der Idee abzubringen, die „Wahrheit der Geschichte“ zu schreiben. Und über alle Unbilden der Zeit hinweg gelang es ihm, seine ersten Aufzeichnungen aus den Jahren 1936/37 zu retten. Mit kindlichem Besitzerstolz zieht er sie aus seinen Archiven hervor. Nichts habe er an dem ursprünglichen Romanplan ändern müssen; ganze zehn Kapitel des jugendlichen Manuskripts seien unverändert in das Alterswerk eingegangen.

Gewiß, es ist ein von seiner Arbeit Besessener, der hier auf dem Bildschirm zu sehen ist. Architekt der Geschichte, die er schreibt, doch auch Architekt des Ortes, an dem er Geschichte schreibt. Der dem Besucher Arbeitsbedingungen vorführt, die einen vor Neid erblassen machen. Neben dem großen, für die Familie bestimmten Wohnhaus (das die Kamera aus Sicherheitsgründen nicht zeigt), hat er sich eigens für seine historische Arbeit ein zweistöckiges Haus errichten lassen (das mit dem Wohnhaus für Zeiten des hohen Schnees durch einen unterirdischen Gang verbunden ist): für seine Bibliothek, seine Archive, seine Dokumentensammlungen. Dort gibt es auch eine kleine Kochnische und, einer mönchischen Zelle gleich, sein Schlafzimmer. Auf einem immensen Arbeitstisch, rund sechs Meter lang, liegen, in peinlich systematischer Ordnung verteilt, Hunderte von kleinen Haufen mit Zetteln, auf denen all die Namen, Ereignisse, Themen exzerpiert sind, die der Schriftsteller braucht, „um Rußland seine entstellte Geschichte zurückzugeben, sein verstümmeltes Gedächtnis, seine liquidierten Historiker‘. Verantwortlich für die Organisation dieser Exzerpte ist Madame. Lächelnd sitzt sie, Natalja Solschenizyn, von Beruf aus Mathematikerin, vor ihren Zettelpacken, dem Schriftsteller und seiner Aufgabe aufopfernd ergeben. Und ernsthaft, allzu ernsthaft, tippen die drei Söhne im Alter von 10, 11 und 13 Jahren hinter ihren Maschinen die Manuskriptbäche des Vaters: wie unlängst in fast alle amerikanischen Häuser ist auch hier der arbeitsersparende word processor eingezogen, und das trotz der scharfen Kritik an der westlichen Zivilisation, die Solschenizyn äußert. Dem reichlich verblüfften Journalisten gegenüber erklärt er lakonisch, daß er immer viel schneller schreibe als die Familie (es gibt auch noch eine Schwiegermutter, die aktiv ist) mit der Materialvorbereitung und -aufbereitung nachzukommen imstande sei.