Von Viola Roggenkamp

Ich danke der Frau Berichterstatter.“ Du liebe Zeit, Herr Präsidentin, man ist routiniert, man hat den Kopf voll, da gibt es Wichtigeres als diese Empfindlichkeiten der Sprache. Die Zahl der arbeitslosen Männer unter den Erwerbstätigen in Westeuropa hat sich zwischen 1970 und 1982 verdoppelt – die der Frauen verachtfacht. Irgendwelche Zusammenhänge zwischen sprachlich ignoranter Dumpfheit und der allgemeinen Diskriminierung von Frauen – völlig ausgeschlossen.

Das Europäische Parlament debattierte zum erstenmal über die Situation der 133 Millionen Frauen und Mädchen (51,3 Prozent der Bevölkerung) in ihren zehn Mitgliedsländern fünf Monate vor der zweiten Direktwahl am 17. Juni 1984. Dazu am Ende der Internationalen Dekade der Frau. Ergebnis: Es ist alles beim alten geblieben, aber der Druck ist noch größer geworden. Frauen werden eher arbeitslos, eher wegrationalisiert, sozial kurzgehalten, an ihren Problemen, ihrer Diskriminierung sind Männer nicht interessiert, auch nicht gewählte Politiker. Im Gegenteil: Sie profitieren davon ungeniert, in Straßburg erschienen sie noch nicht einmal im Plenarsaal.

Ausschließlich von Frauen sollte in dieser Debatte die Rede sein. Da kann es nicht ausbleiben, daß auch viel über Männer gesprochen wird. „Wie Sie sehen, meine Damen und Herren, moderiert diese Sendung ein Mann.“ Carl Weiss von der ARD hatte sich für die Zive-Übertragung aus dem Europäischen Parlament zur Verfügung gestellt (in die sich der Hörfunk erst gar nicht einschaltete). Ein Solidaritätsbeweis – und gewiß hatten ihn die Kolleginnen dazu gedrängt. Da stand er nun. Einer für alle. Anfangs euphorisch: „Wir Männer müssen uns interessieren.“ Später kleinlauter: „Der Plenarsaal ist ungewöhnlich leer. Wenn das so bleibt“, sprach er einfach dazwischen, als Paola Gaiotti de Biase aus Italien gerade monierte, daß die Gewerkschaften sich ausschließlich um die Erhaltung der Arbeitsplätze für Männer kümmern, „wenn das so bleibt, könnte man auf Desinteresse der Männer schließen.“

Leere Reihen so weit das Kameraauge reichte.

„So viel Geld wird hingeworfen für zerstörerische Waffen!“ Doch für die Frauen wieder kein Pfennig, beklagte sich die griechische Sozialistin Konstantina Pantasi. Das mag ja sein. Aber es gibt Wichtigeres: „Die sozialistische Fraktion hat die Redezeit für ihre Rednerinnen verkürzt. Vielleicht wissen das die Frauen nicht. Es wird der Fraktion trotzdem angerechnet“, unterbrach der Präsident. Im Interesse der Frauen? Aber ja doch. Das gibt sonst später Ärger.

500 Seiten Entschließungsantrag zur Situation der Frau in Westeuropa mit 100 Ziffern, „das bleibt so liegen beim Sozialminister, wenn wir nicht aufpassen“, warnte Johanna Maig-Weggen, Christdemokraten aus Holland, und nannte als oberste Priorität gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Wurde das nicht schon 1957 im Römischen Vertrag festgelegt?