Von Horst Bieber

Die Wirklichkeit holt die Politik nirgendwo schneller ein als im Umweltschutz. Erst seit die Wälder sichtbar sterben, wird Entschlossenheit demonstriert und energisches Handeln versprochen. Seit Öl die Strände verschmutzt und Seevögel tötet, gewinnt eine Nordsee-Konvention Konturen. Erst der Schaden für den Menschen lenkt seinen Blick auf die Zerstörung der Umwelt, meist zu spät und fast immer dort, wo er es nicht erwartet.

Wie jetzt in Hamburg: Georgswerder gehört weder zu den schönen noch zu den berühmten Stadtvierteln der Hansestadt. In die Schlagzeilen geriet es denn auch nur durch einen – im doppelten Sinne des Wortes – häßlichen Skandal. Aus der größten bundesrepublikanischen Müllkippe, die vor fünf Jahren geschlossen wurde, tritt in bedrohlich großer Menge das Seveso-Gift TCDD aus: Dioxin. Fachleute wie Politiker reagieren ratlos. Zwar wird die ölige Brühe mit den Giftspuren aufgefangen, doch niemand weiß, was damit geschehen soll. Erst recht vermag niemand zu sagen, wie der gefährliche Müllberg entgiftet, sein Innalt un-schädlich gemacht werden soll.

Nicht diese Hilflosigkeit stempelt Georgswerder zum empörenden Mißstand. Empörend ist vielmehr das Verhalten des Hamburger Senats, der aus einer langen Reihe von Giftmüll-Pannen keine Lehren gezogen hat. Noch immer werden Tatsachen verschwiegen; zugegeben wird nur, was sich nicht länger leugnen läßt. Im Giftmüll-Fall Stolzenberg hatte ein Mann seinen Hut nehmen müssen, der keinerlei Verantwortung dafür trug. Der hanseatische Filz aus Ignoranz und Indolenz überdauerte.

Wie konnte Dioxin überhaupt auf die Deponie gelangen? Die Antwort erschreckt: Überall im Lande wurde bis weit in die siebziger Jahre gleichermaßen gesündigt, wurde Flüssiges unter Festes und Giftiges unter Harmloses gemischt. Oft wußten die Verantwortlichen tatsächlich nicht, welche Zeitbomben sie da abkippten. Aber genauso oft haben sie wohl nur die billigste Methode der Müll-Beseitigung gewählt – nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Seit den Umweltschutz-Gesetzen der sozial-liberalen Koalition hat sich unbestreitbar vieles verbessert, trotz der unausrottbaren Gattung der schwarzen Schafe. Mit Georgswerder beweist sich nun freilich ein ökologischer Merkspruch: Die Natur gibt zinslosen Kredit, aber nicht auf ewig.

Der Müllhügel Georgswerder ist nur einer von vielen ähnlichen. Auf mehreren tausend Deponien lagert Sondermüll in der Bundesrepublik. Fässer mit giftigen Inhalten rosten durch. Folien reißen, die den Deponiegrund abdichten sollen. Müllberge gasen oder "bluten aus", erwärmen und bewegen sich. Was dann ins Grundwasser gelangt oder in die Luft geweht wird, muß nicht immer Dioxin sein. Das Seveso-Gift ist gefährlich und verdient seinen schlechten Ruf, aber Arsenschlämme oder Altöle können auf Dauer nicht weniger Schäden anrichten. Wir schleppen die ökologische Altlast aus der Wirtschaftswunderzeit mit. Jetzt fordert die Natur die Rückzahlung des Kredits.

Über die Höhe kann man nur spekulieren: Milliarden werden es allemal sein. Über das technische Vorgehen zerbrechen sich die Fachleute noch den Kopf. Über die ökologischen Lehren sollten sich Industrie und Politiker freilich schon jetzt klar werden. Es reicht nicht aus, die schädlichen Konsequenzen zu minimieren; es kommt darauf an, den Schaden gar nicht erst entstehen zu lassen.