Studien belegen, wie wichtig gute Ernährung und geistige Stimulation für Kleinkinder sind

Von Hans-Diedrich Cremer

Geistige Entwicklung, Intelligenz und Lernvermögen sind nicht nur eine Sache der Veranlagung. Hier spielt auch die Umwelt eine große Rolle. Doch welches sind die dabei maßgebenden Umweltfaktoren? Zu welcher Zeit der Entwicklung des Menschen üben sie ihren größten Einfluß aus? Und sind sie mehr auf naturwissenschaftlichem oder mehr auf geisteswissenschaftlichem Gebiet zu suchen? Die Physiologen sehen in der Ernährung, die Psychologen in der geistigen Umwelt den für die geistige Entwicklung maßgebenden Faktor.

Gründliche Untersuchungen in verschiedenen Entwicklungsländern haben manche Frage beantwortet, aber auch die Komplexität des Problems deutlich gemacht. Ein Beispiel sind die Beobachtungen an Schulkindern, wie sie unter anderem in Indien unternommen wurden: Die meisten von den Kindern, die in ihren schulischen Leistungen hinter ihren Kameraden zurückblieben, hatten in frühester Jugend schwere Unterernährung durchlitten und waren deshalb in klinischer Behandlung gewesen.

Nichts liegt näher als der Schluß, daß Unterernährung in der frühen Jugend einen nachteiligen Einfluß auf die geistige Entwicklung hat. Aber bei kritischer Betrachtung von Umwelt und Vorgeschichte dieser Kinder stellten sich weitere Besonderheiten heraus: Fast alle stammten aus sehr armen Familien, in denen sie nicht nur körperlich, sondern auch geistig gedarbt hatten. Denn von ihren Eltern und der übrigen Umwelt erhielten sie weniger geistige Anregungen, als dies bei Kindern der Fall war, die in normalem Umfeld aufgewachsen waren.

Die Einflüsse von Unterernährung und Armut auf die geistige Entwicklung hängen eng miteinander zusammen. Denn ihnen liegt ein gemeinsamer Ursachenkomplex zugrunde: niedriges ökonomisches Niveau, ungünstige Beschäftigungssituation und unzureichender Bildungsstand. Häufig fehlen aber auch der Hausfrau die Grundkenntnisse über eine richtige Ernährung vor allem für Säuglinge und Kleinkinder. Oft weiß sie wenig darüber, wie sie mit geringen Mitteln eine vollwertige Kost beschaffen und diese unter hygienischen, nährwertschonenden Bedingungen zubereiten kann.

Eine Anzahl von sozialen Charakteristika, die mit niedrigem Einkommens- und Bildungsniveau verknüpft sind, gefährden schon die normale körperliche Entwicklung. Familien mit geringem Einkommen leben im allgemeinen unter beengten Raumverhältnissen und schlechten sanitären Bedingungen. Beides führt zu höherer Krankheitshäufigkeit und letzten Endes zu Entwicklungsstörungen. Sozial niedrig gestellte Familien tendieren zu einer hohen Kinderzahl, diese wiederum erhöht die Gefahr der unzureichenden Ernährung für den Nachwuchs. Besonders verhängnisvoll wirkt sich eine schnelle Geburtenfolge bei schlecht ernährten Familien aus: Dann sind oft mehrere Kinder gerade in dem kritischen Alter, wo sie eine besonders gute Ernährung benötigen, ohne sie zu bekommen.