Amüsant

„Das Auge“ von Claude Miller erzählt – teils komödiantisch, teils mythisch – die Geschicke einer doppelten Besessenheit: aus der Perspektive des Besessenen. Die Photographie einer Mädchenklasse und unerfüllte Vatersehnsüchte, die in dem Photo immer neu sich entzünden, sind Ausgangs- und Endpunkt zugleich. Der Held (Michel Serrault) weiß: Eines der Mädchen auf dem Photo ist seine früh verstorbene Tochter Marie. Doch welche? Als er dann, er ist angestellter Detektiv, bei einem Routinefall einer jungen. Frau (Isabelle Adjani) begegnet, die sehr gelassen einen Mord nach dem anderen begeht, ist er verblüfft, schließlich fasziniert. Er erliegt dem frechen Charme, mit dem sie – in immer neuen Verkleidungen – ganz Europa zum Spielplatz ihrer Taten macht und stets nur ausgeplünderte Leichen zurückläßt. Der Detektiv, von seinen fliegen „Auge“ genannt, reist der Frau nach und schaut ihr überall zu, nennt sie Marie (adoptiert sie also als seine Tochter) und hilft ihr im stillen, auch wenn sie ihn nie beachtet. So verliert er sich immer mehr und kommt doch der Photografie immer näher. „Das Auge“ ist ein fantasy-Krimi, eine phantastische Komposition, zusammengesetzt aus ganz unterschiedlichen Genres und stilistischen Mitteln. Bekannte Handlungs- und Darstellungsmuster werden kurz angedeutet, ironisch gebrochen und dann anders, also neu vorgeführt. Der Film ist auch eine verspielte Variation über Filme, die Ähnliches schon hundertfach ähnlich gezeigt haben. Wie in alten Filmen geht er sehr frei mit Raum und der Wahrscheinlichkeit um: Der schnelle Ortswechsel ist so selbstverständlich wie die Anwesenheit des Helden am Tatort. Der Film wählt, was heutzutage so selten ist, seine Details aus, damit die Dramaturgie seiner Illusion stimmt. Ihm geht es um die Effekte und den Witz der Geschichte.

Norbert Grob

Beachtlich

„Worte kommen meist zu spät...“ von Daniel Schmid. – Eine Soiree. Leise Gespräche, mit vornehner Zurückhaltung agierende Ober in Livree, gedämpfte Geigenklänge: Bern 1942. Im Diplomatenkreisen spricht man über das Vordringen der Deutschen an die Ostfront. So beginnt, so endet Daniel Schmids fünfter Spielfilm („La Paloma“, 1974; „Schatten der Engel“, 1975/76), der mit dem Zeitgeschehen wenig, um so mehr zu tun hat mit Liebe und Leidenschaft, Verwirrung und Geheimnis. „Hécate“, der Originaltitel, läßt Mystifizierendes ahnen. Und in der Tat ist Clothilde de Watteville (Lauren Hutton) eine be- und verzaubernde Hekate. Männer, die ihr verfallen, kommen nicht mehr los von dieser Zaubergöttin, die ihnen zugleich nah und unerreichbar fern ist. Der junge Botschafter Julien Rochelle (Bernard Giraudeau) wird in den dreißiger Jahren auf einen Posten in Nordafrika versetzt. „Wir sind am Ende der Welt. Es gibt nichts zu tun“, empfängt ihn der Botschaftsangestellte Vaudable (Jean Bouise). Die Frau im Dunkel der Arkaden beim nächtlichen Empfang erregt sogleich Rochelles Aufmerksamkeit. Ihr schmeichelndes Kleid, ihr wehendes Haar, ihr rätselhafter Blick faszinieren ihn. Es beginnt eine Liebesbeziehung, die nichts wissen will von Vergangenheit und Zukunft, gerade recht für einen Egoisten, wie Rochelle selber sich nennt. Allmählich jedoch verfällt er der schönen Clothilde. Je weiter er sich ihr nähert, desto mehr entfernt sie sich. Daniel Schmid hat diesen amour fou in exquisiten Interieurs und vor der flirrenden Kulisse zweier aufeinanderstoßender Kulturen gedreht: europäischer Kolonialismus hier, geheimnisvoll dunkles Labyrinth der arabischen Welt dort. Und: er ist seinem Credo treu geblieben: „Filmemachen bedeutet für mich, Klischees einzusetzen, die zum Träumen führen.“ Zu phantastischen Träumen.

Anne Frederiksen