Von Dietrich Strothmann

Jerusalem, im Januar

Günstig war der Zeitpunkt für keinen von beiden: für Helmut Kohl nicht, der ursprünglich erst nach seinem Besuch in Israel auch nach Saudi-Arabien reisen wollte – aber Menachem Begin machte dem Kanzler mit seinem Rücktritt im vergangenen August einen Strich durch die Bonner Reise-Rechnung; auch nicht für Itzhak Schamir, dessen ohnehin wackelig gebasteltes Premierpodest wegen des Finanzstreites in der Koalition gerade jetzt ins Wanken geraten ist. Sein hauchdünner Abstimmungssieg diese Woche in der Knesset, dem israelischen Parlament, ist kein Blankoscheck für die politische Zukunft dieses bisher glücklosen Begin-Nachfolgers.

Dabei hat Itzhak Schamir wenigstens in einer Sache seine Israelis gegen Kohl und die Deutschen hinter sich: in der Frage der Bonner Waffenlieferungen an Saudi-Arabien. Da lassen auch die politischen Gegner des Ministerpräsidenten, selbst die besonnensten unter den Brückenbauern bei den deutsch-israelischen Beziehungen, nicht mit sich reden, schon gar nicht mit sich handeln. Egal, ob statt des Leo II nun der Gepard-Flakpanzer, egal ob statt Angriffswaffen nur Verteidigungsmaterial geliefert wird – die Saudis sind für alle Israelis, rechte wie linke, radikale wie gemäßigte, noch immer erklärte Feinde Israels, "Bankiers" von Arafat und Assad, Anführer vom "Heiligen Krieg" gegen Israels Existenz. Vor seiner für letztes Jahr geplanten Fahrt nach Jerusalem, nach Willy Brandts Besuch im Jahre 1973 die zweite Israel-Reise eines Bonner Bundeskanzlers, hätte Helmut Kohl noch in aller Unschuld abzuwiegeln versucht: "Wir haben in Jerusalem und in Tel Aviv über Waffenlieferungen an andere Länder nicht zu sprechen. Das ist kein Diskussionspunkt dieser Reise." Dann aber hatte er im saudischen Riad entsprechende Angebote gemacht. Jetzt steht das Thema obenan auf Schamirs Gesprächsliste, gleich für den ersten Tag der Zusammenkunft, kurz nach der Landung des Kanzlers. Und da wird es auch nach dem Besuch noch für lange Zeit stehen bleiben.

Was aus den Beziehungen zwischen den beiden Staaten und ihren Menschen wird – ob die düsteren Schatten der Vergangenheit mit der Zeit kürzer werden –, hängt wie immer wieder im Nahen Osten von Waffen ab, diesmal deutschen Fabrikats. "Unser Blut soll deutsch-arabischen Wirtschaftsinteressen geopfert werden!" So klingt der Aufschrei vieler Israelis. Die Wunden, die mit der Zeit vernarbt zu sein schienen, brechen wieder auf. Auschwitz, das zeigt sich jetzt wieder, ist in Israel weit mehr als nur eine ferne Erinnerung. Das Trauma lebt fort, von den einen bewußt als ständige Bedrohung ins politische Spiel gebracht, von den anderen still im Gedächtnis bewahrt.

Sonnenschein, wie im Hochsommer, liegt über Jerusalem. Der Himmel ist weit und blau über der "hochgebauten Stadt" zwischen dem Jordantal und der breiten Senke zum Mittelmeer. Doch das Land erlebt einen Winter des Mißvergnügens. Eine Schreckensmeldung jagt die andere.