Marl

Aufmerksam hören die elf Jugendlichen in der Jugendverkehrsschule in Marl dem Verkehrserzieher zu. Soeben erklärt er, daß die Bremsauflagefläche beim Moped 120 Quadratzentimeter beträgt, beim Mofa aber nur 40 Quadratzentimeter. „Und wenn nun einer sein Mofa frisiert, daß es so schnell, fährt wie ein Moped“, doziert der Polizeibeamte, „ist das Fahrzeug praktisch ungebremst.“ Juristisch heißt das dann – weil der Mofa-Schein die höhere Geschwindigkeit nicht zuläßt – „Fahren ohne Fahrerlaubnis“. Die meisten der hier versammelten Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren haben sich dieses Deliktes schuldig gemacht.

Werden Jugendliche dabei von der Polizei ertappt, verdonnert sie in der Regel der Jugendrichter zu einer „erzieherischen Maßnahme“, wie dem Besuch eines Verkehrserziehungskurses. Nicht so in Marl. Die Jugendlichen, die hier gerade den Kurs absolvieren, tun dies freiwillig. Die Maßnahme ist Teil des sogenannten „Marler Modells“, das hier seit gut einem Jahr mit Erfolg erprobt wird.

Das „Marler Modell“ versucht, im Jugendstrafverfahren neue Wege zu gehen und statt des Sühne- den Erziehungsgedanken „noch wirksamer in der Praxis zu verwirklichen“. Werden Jugendliche – gleichgültig, ob zum ersten oder zum wiederholten Mal – bei einer Straftat erwischt, geraten sie üblicherweise in die Mühle der Justiz: Die Polizei legt eine Ermittlungsakte an, übersendet sie der zuständigen Staatsanwaltschaft, und die erhebt in aller Regel Anklage vor dem Jugendrichter. Dieser verhängt über die jugendlichen Delinquenten zumeist eine erzieherische Maßnahme, oder das Verfahren wird eingestellt.

„Dieser Instanzenweg“, sagt Hermann Beckmann, Leiter der Marler Jugendgerichtshilfe, „löst oft regelrechte Dramen in den Familien der Jugendlichen aus.“ Eltern betrachten ihre Kinder plötzlich als Kriminelle, Mitschüler hänseln sie als „Knackis“. Gerade bislang unbescholtene junge Leute, die mal eine Scheibe eingeschmissen oder im Kaufhaus lange Finger gemacht haben, werden so oftmals „als Verbrecher stigmatisiert“.

Da zwischen Tat und Urteil meist fünf bis sechs Monate vergehen, verliert der Jugendliche zudem den Bezug zu seinem Vergehen, Beckmann: „Die Einsicht in das begangene Unrecht geht verloren.“ Statt dessen werden „Ängste und Spannungen aufgebaut“, die zu „einer unvertretbaren Belastung für den Jugendlichen“ werden.

Um junge Menschen vor dieser Stigmatisierung und einem dadurch womöglich erst verursachten Abgleiten in die Kriminalität zu bewahren, entwickelte Beckmann das „Marler Modell“, bei dem die Marler Polizei und die zuständige Staatsanwaltschaft in Essen „ein hohes Maß an Kooperationsbereitschaft“ (Beckmann) zeigten.