Von Gunter Hofmann

Bonn, im Januar

Etwas neidisch wird in der Regierungszentrale beobachtet, wie Günter Kießling seine Sache vertritt. Der General illuminiere sich zwar, heißt es, aber er verstehe doch auch sein Handwerk, nämlich Angriff und Verteidigung, Strategie und Taktik. Wenn der Minister sich bloß ein Scheibchen davon abschneiden würde, entnimmt man dem Stoßseufzer. Und die Regierung nicht auch?

Helmut Kohl ist früh auf Distanz zum ohnehin ungeliebten Manfred Wörner gegangen. Jetzt hat Peter Boenisch obendrein den MAD als Sündenbock angeprangert und den geordneten Rückzug eingeleitet: nämlich ein Gespräch zwischen Wörner und Kießling. Unverhohlen regierte er damit dem Minister in sein Ressort hinein.

Wörner, bedeutet dies, hat seine Angelegenheiten nicht mehr im Griff. Kohl hält den Verteidigungsminister noch – aber wie lange und mit welchen Argumenten? Viel Zeit bleibt nicht mehr, viele Argumente auch nicht – schon gar nicht, seit der unglückseligen Begegnung mit Alexander Ziegler dem Chefredakteur einer Schweizer Homosexuellen-Zeitschrift. Die Loyalitätsbekundungen von Partei und Fraktion verraten über Wörners Schicksal nichts.

Lothar Späth, der sich um seine Wahlen in Baden-Württemberg sorgt, hat im Präsidium klargemacht, daß er an den Grenzen seiner Geduld ist. Franz Josef Strauß mischt sich aus anderen Gründen, aber mit einem ähnlichen Urteil ein: Wenn Fehler gemacht worden sind und schlüssige Beweise weiter ausblieben, reichte es nicht mehr aus, dafür andere haftbar zu machen. Und auch eine Ehrenerklärung für Kießling ohne Rücktritt Wörners, so ist Strauß zu verstehen, würde kaum ausreichen.

Sicher hängt die Affäre, die sich an die Entlassung Kießlings knüpfte, mit Besonderheiten des unüberschaubaren Ressorts auf der Hardthöhe zusammen. Auf dieses Ressort schlägt das Spektakel auch besonders zurück. Beim Spott „Onkel Toms Hütte“ heißt jetzt schon die Hardthöhe – wird es nicht bleiben. Aber wirft der Fall nicht auch ein Licht auf Krisenmanagement und Funktionstüchtigkeit des Regierungsapparats, ja, auf den Regierungsstil Helmut Kohls?